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Sein Bild von

Sein Bild

Schön Ellen grüßt heut' thränenschwer
Ihr neues Lebensjahr,
Denn, ach, die Zukunft scheint ihr trüb'
Und jeden Glückes bar.

Des Vaters strenger Wille hat
Ihr gestern kund gethan,
Daß sie verlobt sein eigen Wort
Dem ungekannten Mann.

Erfahren sollte heute sie,
Wer dieser Fremde sei,
Dem sie als Gattin folgen muß
Sobald der Herbst vorbei.

Und ach, ihr armes junges Herz
Allein für Herbert schlägt,
Der ferne jetzt in Feindesland
Die Rittersporen trägt.

Zu ihren Lieben eilt sie jetzt
Gar bleich, doch schön geschmückt,
Das Auge thränenfeucht und matt,
Die Seele schwer bedrückt.

So tritt sie in den Rittersaal
Zum greisen Älternpaar,
Allwo die Schwestern schelmisch ihr
Den Glückwunsch bringen dar.

Schön Ellen dankt umflorten Blick's,
Sieht nach den Gaben kaum;
Da trifft ihr Ohr des Vaters Wort,
Fast wie im wüsten Traum.

?Ei Tochter, schau' die Gaben all',
Sie deuten Hochzeitslust,
Die Du mit einem braven Mann
Nun bald begehen mußt!

?Und jenes braven Mannes Bild,
Mein Kind, entschleiert Dir
In seiner ganzen Herrlichkeit
Der dunkle Vorhang hier".

?Mein Vater!? stammelt Ellen bang,
Wird stumm dann wie das Grab,
Indeß des Vaters Stimme ruft:
?Den Vorhang jetzt herab!"

Und als der Schwester neck'sche Hand
Den Vorgang schlägt zurück –
Da steht schön Ellen Freudenstarr,
Von Seligkeit den Blick.

Denn statt des fremden Bräutigams –
Den sie so sehr gehaßt,
Hat jetzt des Liebsten trautes Bild
Ihr trunken Aug' erfaßt.

Die Mutter lächelt mild ihr zu –
Der Vater aber fragt:
?Schön Ellen, ist's der Rechte wohl?
Hab ich es gut gemacht?"

Und dankend küßt schön Ellen drauf
Des Vaters strenge Hand:
?Wie thöricht, daß ich bange war!
Du hast mein Herz erkannt!?