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d' Espagne's Tod von

d'Espagne's Tod

Bruchstück aus dem ungedruckten Epos: ?Die Schlacht bei Aspern", dritter Gesang, Stanze 36 ff.(1)

Wenn dort(2) der Sieg die deutschen Waffen krönt,
Wie wandte sich das Loos der Schlacht im off'nen Felde?
O Muse, laß mich's schau'n, daß ich's dem Pindus melde,
Daß laut im Lied der Helden Name tönt.
An seinem sanften Hang, auf blumenreichen Matten
Versammeln Mitternachts bei hehrem Vollmondschein
? Laßt, wetterleuchtend rings, ihn, Nachtgewölke, ein ?
Am Aganippens Quell sich der Heroen Schatten.
Da horchen sie mit Lust, gelehnt an Moosgestein,
Der Söhne Lobgesang zum reinen Elfenbein.

Als gegen Aspern sich die ersten Haufen wandten,
Zog mitten durch's Gefild der dritte frei einher;
Schon steh'n die Linien des Feind's nicht ferne mehr,
Schon zählten sie die Adler, schon erkannten
Sie Schaar um Schaar ? ein fürchterliches Heer!
Ringsum beschützen es unzähl'ge Todeschlünde.
Auch Hohenzollern ruft die seinigen hervor.
Auf einmal öffnen sie die dumpfen Donnermünde ?
Mehr Rauch und Funken spei'n nicht Aetna's tiefe Gründe,
Mehr Dampf und Gluth entsteigt nicht Hekla's Flammenthor.

Und so wälzt Lava sich durch die zerriss'nen Spalten,
Ein prasselnd Feuermeer, mit breitem, schnellen Guß. ?
Fels, Waldung, Heerde, Dorf und Stadt unaufgehalten
Zertrümmert und verschlingt der glühendrothe Fluß ?
Wie schnell die Linien der Franken sich entfalten,
Und nun, von Erz umblitzt, der Panzerritter Schwall,
Ein prasselnd Feuermeer, sich stürzet durch die Spalten.
Man hört, jedoch gedämpft vom ew'gen Donnerschall,
Zwölf Tromben nun zugleich mit ungestümen Rasen,
Zwölf Schaaren auf einmal das Angriffszeichen blasen.

Wer wendet wohl des Stroms und des Orkanes Lauf?
Wer treibt des Hagels Fall zur Wolke wieder auf?
So fällt die Riesenmacht auf Oest'reichs leichte Reiter.
Die Tapfern zittern nicht: allein das Ungarroß,
Es wankt und stürzet von des Friesengaules Stoß,
Verwirrung bricht die Reih', kein Widerstand gilt weiter,
Sie flieh'n; nach ihnen rollt im Trabe das Geschoß,
Daß nicht der Feind davon die theure Beute trage,
Und die Gespanne schnell nach seiner Seite jage.
So bleibt das Fußvolk dann von jeder Schutzwehr blos!

In Massen steht es da: es starren blanke Spieße ?
Nicht einer bebt! ? von allen Seiten her;
So rollt der Igel sich in Stacheln vor dem Bisse
Des stärkern Thiers, und macht ihm jeden Angriff schwer.
Doch da ist schon der Feind! Die mächt'gen Rosse schnauben,
Der Helmbusch fliegt, das Zeug, die Rüstung klirrt,
Der Säbel zuckt ? nichts kann der Deutschen Fassung rauben,
Sie steh'n, die Führer vorn, noch fest und unverwirrt.
Umsonst! Es rennt der Trupp mit ungehalt'nen Zügeln
Durch jeden Zwischenraum, die Massen zu umflügeln.

Schon sind sie ganz umringt! Mit stolzem Siegerton
Ruft jetzt d'Espagne sie auf, die Waffen nur zu strecken;
Doch Feldherr Brady nun: ?Vermöcht' es solcher Hohn,
Euch Tapf're, deren Herz die Furcht nicht kennt, zu schrecken?
Antwortet wie's Euch ziemt!" Er ruft's; das erste Glied
Läßt plötzlich, dicht am Mann, die langen Läufe knallen,
Das zweite sendet nun noch tausend Todesballen
Den ersten nach, und jeglichem beschied
Die Parz' ein blutig Ziel; die von dem Harnisch prallen,
Sieht um so tiefer man in's Fleisch der Thiere fallen.

Verwundet rasen nun, nicht Sporen oder Zaum
Gehorchend mehr, die blutbedeckten Pferde;
Sie steigen bäumend auf, die Nüstern blasen Schaum,
Dies fällt auf seinen Mann, dies wirft ihn hart zur Erde,
Dies bricht die Reihen durch, und schlägt mit starkem Huf
Drei andre hin, wie der Orkan auf Berges Rücken
Die hohen Tannen stürzt, die krachend sich zerstücken.
Da gilt nicht Kriegszucht mehr, da gilt nicht Feldherrnruf:
Mehr denn die Hälfte liegt im Sand, der stolzen Reiter,
Und ihrer Waffen Last entwaffnet sie als Streiter.

Gefall'ne, Rosse, Zeug, bedecken das Gefilde,
Die Sieger stürzen nach und metzeln fürchterlich;
Vom Feindeshohn gereizt, verstummt der Ruf der Milde
In ihrer Brust, es frommt der Panzer nicht zum Schilde
Dem fruchtlos Flehenden; des Bajonettes Stich
Bohrt ihm die Kehle durch, und schmählich muß er sterben.
Die Mutter noch beklagt mit halbgebroch'nem Blick
Der Jüngling, dieser nennt das Liebchen noch erblassend,
Der rufet Frau und Kind, auf ewig sie verlassend,
Und jener stirbt, und flucht dem eignen Mißgeschick.

Ihr Unerschütterte, die Ihr den Sieg vollbrachtet,
Ihr Colloredo, Zach, und Zettwitz, Stain und Froon,
Und tapf're Böhmen Ihr von Carlo's Legion,
Die eben Ihr die ersten Waffen machtet,
Es schlinge eine Lorbeerkron'
Um eure Fahnen sich, von Enkeln noch betrachtet
Mit Ehrfurcht und mit Stolz. Was galt der Franken Hohn?
Nun kennen sie Euch wohl, die Euch so schnöd' verachtet!
Des Feindes Furcht, der Dank der Nation,
Der Nachwelt Beifall sei Euch eurer Thaten Lohn.

Und euch, die ihnen hell als Führer vorgeleuchtet,
O Brady, Koller Euch, und Buresch Dich, der, bis
Dein warmer Blutesbach den dürren Staub befeuchtet,
Und aus den Adern Dir die Kraft entströmen ließ,
Dem Vordersten das heit're Antlitz wies;
Und tapf'rer Mayer Dich, Euch nenne die Posaune
Der Ruhmesgöttin, daß Europa horchend staune;
Denn gleich dem Schiff, das in des Meeres Wogen stieß,
Compaß- und steuerlos, an Klippen bald verschlagen,
Wär' ohne Führergeist der Schaaren kühnstes Wagen.

Doch Mayer hält noch nicht der Kühnheit Zügel an,
Der Stattliche, der eines Hauptes Länge
Vor allen Feldherrn ragt, wenn sie, zum Wachgepränge
Versammelt, sich dem Zelt des Imperators nah'n.
Der Frankenoberst dort, der von der Seinen Schrecken
Mit fortgerissen flieht, soll ihm die Waffen strecken.
Sein Kohlfuchs hat bereits des Obrists Gaul ereilt,
Doch dem zur Seite rennt ein dunkler Aethiope,
Den Wettlauf wagt' er wohl auch mit der Antilope,
Am Nil dem Obrist einst als Beute zugetheilt.

Der treue Sklave strebt den werthen Herrn zu schützen,
Schnell läßt er sein Pistel nach Mayer's Herzen blitzen,
Und mag sich dieser noch so schnell zur Seite dreh'n,
Dem Tode kann er wohl, der Wunde nicht entgeh'n.
Ein kalter Krampf durchkreucht die großgestalten Glieder
Und einem Titan gleich, sinkt er vom Rosse nieder.
Wie freudetrunken dies des Mohren Augen seh'n!
?Herbei, ? ruft er ? herbei, ihr Frankenbrüder!
Den Stärksten fällte ich! Kommt, raubt ihm Schuß und Schwert,
Eh' mit den Sinnen ihm die Kraft zurücke kehrt!"

Vier Flücht'ge halten an, und mühen sich geschäftig
Um Mayern, daß er ja nicht ihrer Hast entrinnt.
Der Schütze Anton(3) wird's gewahr, der flink und kräftig
Die Fliehenden verfolgt und schnell auf Hülfe sinnt:
?Wer steht dem Feldherrn bei, ihr Freunde, ? schreit er heftig ?
Daß zum Gefangnen nicht der Franke ihn gewinnt?"
So ruft er laut; es hören's vier Gesellen,
Die unsern ihm, den Feind verfolgend, nah'n.
Flugs eilen sie herbei im Lauf, im vogelschnellen,
Und schicken muthig sich zu Mayer's Rettung an.

Denn jeder ist geübt, mit raschem Bajonette
Im off'nen Felde kühn dem Reiter Wehr zu steh'n;
Ja, fielen Zween ihn an, und Dreie in die Wette,
Dem überleg'nen Kampf würd' er mit Glück entgeh'n.
Entschlossen stürzen dann die unerschrock'nen Jäger
Sich auf den Reitertrupp, um Mayern noch bemüht; ?
Entglitten war er gleich dem Kohlfuchs, seinem Träger, ?
Bis den Gewalt'gen man auf and're Rosse zieht,
Bedarf es Zeit und Kraft, und allzufrühe sieht
Die Retter ihnen nah'n der vielgewandte Neger.

Verwegen reißt er aus dem Gurt den kurzen Dolch,
Und springt auf Anton zu. Bestrichen war die Schneide
Nach seines Landes Art mit Saft vom gift'gem Molch,
Daß von dem kleinsten Ritz der Gegner Tod erleide.
Das lange Bajonett schickt Anton gegen ihn,
Allein er schlüpft behend darunter, und vom Rücken
Will er den Dolch in Anton's Seite drücken.
Doch dieser weichet aus und an der Tasche hin
Nur fährt der Stoß, die die Patronen wahret,
Und vor des Stahles Gift bleibt Anton noch bewahret.

Jedoch sein Nachbar Fritz sieht die Vermessenheit
Des Schwarzen; eh' er sich den zweiten Streich zu führen,
Bereitet, muß er selbst Metall im Leibe spüren,
Und in den kalten Sand, vom Mutterland so weit,
Wälzt sich der Sterbende und drückt der Königsschlangen
Geweihte Knochen fest an's Herz, zur Knabenzeit
In Lybien ihm noch vom Vater umgehangen.
Und auf die Reiter jetzt um Mayern ungescheut
Wirft sich der Schützentrupp mit Stößen, Hieben, Schüssen,
Bis siegreich ihnen sie die theure Beut' entrissen.

Und als sie jen' in scheue Flucht gejagt,
Nicht zögern sie, den Feldherrn aufzufassen,
Um dessen Auge schon Bewußtsein wieder tagt,
Und der bereits zum Dank die Lippen regt, die blassen.
Gerettet bringen sie ihn zu der Seinen Massen.
Doch Anton, rastlos, hat noch nicht genug gewagt:
Er sieht des Feldherrn Roß vorn schweifend, losgelassen;
Er rennet noch, bis ihm's, den Zügel zu erfassen
Gelingt; obschon ein Springer, gleichen Sinn's,
Mit einer Wund' ihm lähmt die Ehre des Gewinns.

Frei ist der Platz umher; auf schnellen Rossen laufen
Nun Klenau's Reiter noch in die zersprengten Haufen:
Du, Vecsey, führst sie an, der allgeliebte Held.
Das Fußvolk sieht die Flucht, ihm sinkt die Streitbegierde,
Es beugt die Flügel nun, undräumet weit das Feld.
Ach, aber Klenau raubt noch seiner Führer Zierde,
Dich, Lippe! ein Geschoß; zwar will der Freundschaft Hand
In dem zerriss'nen Bau den edlen Geist erhalten,
Doch lächelnd ruft er: ?Laßt! Was nützet hier Verband?
Ich sterbe froh, Ihr siegt!" ? So seh'n sie ihn erkalten.

Dort zeigt d'Espagne sich, vergeblich noch bemüht,
Ein kleines Häuflein zu versammeln;
Sie, die er halten will, sie rufen selber: ?Flieht,
O Feldherr! Seht, der Trupp der leichten Reiter zieht
Sich schon um uns und wird die Rettung bald verrammeln!" ?
?O ? spricht er zu sich selbst ? mein ahnungsvoll Gemüth!
Du trogst mich nicht mit deinen düstern Träumen!
Mein letzter Augenblick, nicht lange wird er säumen;
Bald opfr' ich Manneskraft und süßer Liebe Gunst
Und jedes Lebensglück der Ehre eitelm Dunst?. ?

Allein zu spät schon ist des Armen Klügeln.
Schon hat ein schwerer Ball des Helmes ihn beraubt,
Der hell von Silber strahlt zu Schutz und Zier dem Haupt,
Es ruht ein gold'ner Sphinx darauf mit Adlerflügeln,
Aus welchen sich ein Busch von blauen Federn hebt,
Der majestätisch hoch im schnellen Ritte schwebt.
Ein herrlicher Saphir glänzt über seiner Stirne,
Von Diamanten rings mit Irisglanz geschmückt,
Er zeigt geheimnißvoll die Stellung der Gestirne
Als seine Gattin einst zuerst den Tag erblickt.

Dies blendend Kleinod dient nunmehr zur Kugelscheibe,
Denn weithin strahlt sein Blitz im heitern Sonnenlicht;
Der kluge Schütze zielt darauf und fehlet nicht,
D'Espagne aber starrt mit vorgebognem Leibe
Dem Helme nach; ihn fällt noch tief're Wehmuth an,
Als er zermalmt den Stein am Boden schauet;
Er ruft: ?Dahin ist er, mein theurer Talisman!
Ich sehe Dich nicht mehr, o Weib! mir angetrauet". ?
Da fährt ein zweiter Ball ihm mitten in's Gehirn,
Und ewig in den Staub neigt er die blut'ge Stirn. ?

O welchen Jammer webt die unerweichte Kere
Dem Leben seiner Gattin ein,
Da seinen Faden sie zerschnitt mit strenger Scheere!
Der Ueberraschung Lust gedenkt sie nur allein.
Ihr schöner Wagen rollt zum Thore Wien's herein,
Indem er steigt in Charon's düst're Fähre.
Erblassend hört sie zwar des nahen Kampfes Märe,
Doch Wahn des Frankenglücks wiegt bald sie wieder ein
In Hoffnung und Vertrau'n. Bei Stephan's grauem, alten
Erhab'nen Tempel heißt sie ihre Rosse halten.

Sie starrt am Bau empor, gigantisch sich erhebend.
Das Ungeheure erst ergreift mit Macht den Geist;
Bis sich allmählig auch, die Wände reich umklebend,
Kunst, Mannigfaltigkeit und Schmuck erfreulich weist.
Vor allem ist's der Thurm, der, Wolken überstrebend,
Und wundersam, die Blicke an sich reißt:
Der kühnste Obelisk, verziert mit Steigebilde,
Durchbrochen steigt er auf, es schlägt ein tönend Herz
In seiner Brust und ruft zu Andacht, Freud und Schmerz,
Und seine Stirne schaut weit um in die Gefilde.

Wie? ? ruft die Frau bewegt ? Barbarisch nennt man sie,
Die Kunst der Mittelzeit, die mit dem Riesenhaften,
Dem Ernstesten, vermählt die üpp'ge Phantasie
Und wohlgefällig ließ darauf die Blicke haften,
Die ? seltsamer Verein! ? die Unzerstörlichkeit
Verband mit heit'rer Leichtigkeit,
Die, strenger Symmetrie geregelt Wiederkehren
Verschmähend, neuen Reiz will überall gewähren
Und aus den Theilen all', in welche sie sich bricht.
Doch als Ein Ganzes nur voll Hoheit zu uns spricht?

Im Innern des Thurms klimmt sie nun rasch empor,
Kühl ist der Raum und eng, auf dunkeln Wendelsteigen;
Es soll ihr sein Höh' das nahe Schlachtfeld zeigen.
Auf des Geländers Gang tritt staunend sie hervor,
Zum Sitz, den Rüdiger der Tapf're einst erkor,
Auf's Türkenheer zu schau'n. Die Stadt, die unermessen,
Von Menschen wimmelnd, sich zu ihren Füßen regt,
Wie in Insektenberg von Leben sich bewegt,
Wo Dach an Dach sich drückt, durchkreuzt von tausend Gässen,
Macht sie zuerst sich selbst und ihres Zwecks vergessen.

Hier stellen ohne Zahl Paläste sich zur Schau.
So mancher Kaiser Werk, ehrwürdig, hehr und grau,
Dehnt dort die Burg sich aus, der Sitz von Habsburgsfürsten;
Neu, herrlich ausgeschmückt daran stößt Albert's Bau;
(Er winkt mit Moses Stab, und Wien hört auf zu dürsten)
Die hohen Kuppeln dort, Sankt Petern, Karln geweiht,
Das heit're Belvedere, das jedes Aug' erfreut,
Minervens Tempel, all' die Tempel aller Musen ?
Wenn überraschend sich's dem Blick auf einmal beut,
Erhüb' Erstaunen auch den kältsten Marmorbusen.

So steht auch Josephin' auf Augenblicke da.
?Darf solcher Residenz sich Oest'reichs Kaiser freuen?
Und diese Bürger all' sind seine Vielgetreuen?
Ha, meinen Franken nur gelang, was jetzt geschah ?
Sonst müßte jedes Heer wohl solche Hauptstadt scheuen".
Sie rief's; doch als sie nun in weit're Fernen sah ?
Dort war die Schlacht! die Schlacht, die wachsenden Gewittern,
Wenn schwül der Hundsstern glüht vom schwarzen Himmelsrand
Aufdrohend, gleich, tief überm Marchfeld stand,
Und ihre Glieder all' durchlief's mit bleichem Zittern.

Und dumpf erschallt Geschoß, wie ferner Donner grollt,
Wenn seinen Wagen, hoch durch Schloßenhausen rasselnd,
Der Sturmesrosse Flug von Berg zu Bergen rollt,
Um seine Räder sprüh'n die Blitze funkenprasselnd;
Die Sonne blinket trüb, ja bald erstirbt ihr Schein,
Und Bangigkeit hemmt selbst den trägen Hauch der Lüfte,
Geängstet birgt das Wild in Höhlen sich und Klüfte,
Und Waldvögel schlüpft in Felsenritzen ein,
Und knieend fleht der Mensch um Beistand seine Götter: ?
So schreckbar dort erscheint das blut'ge Kriegeswetter.

Starr, bleich und athemlos vom Thurmgeländer bog
Sich Josephin', und schien auch nur ein Steingebilde,
Wenn nicht, so wie der Rauch im wolkigen Gefilde
Bald näher und bald ferner zog,
Sie Röthe zuckend überflog.
So wie ein Donner schallt, gedenkt sie: ?Dieser raubte
Vielleicht mir ihn!" ? und bald, mit süßerm Wahne trog
Sie sich; es war sein Busch, den sie zu sehen glaubte.
Doch tief're Schmerzen nur empfand
Sie, als die Täuschung wieder schwand.

Jetzt macht ein Sturm sich auf, und schlug den Rauch von hinnen,
Da zeigte deutlich sich der Frankenordnung Flucht.
Man sieht das deutsche Heer schnell weiten Raum gewinnen.
Wie die Gebieterin man auch zu trösten sucht,
Nicht läugnen mögen mehr es die Begleiterinnen.
Gewiß, gewiß war's seine Reiterschaar!
Da dünkt es sie, wie nun der Dampf im Fluge wallte,
Daß er sich dichter stets und schwärzer wunder bar
Zum Riesenbild des Gatten zugestalte,
Dem eine Wunde roth und tief die Stirne spalte.

Die Züge glaubt sie treu, doch einem Schatten gleich,
Im Dunstgewebe zu erkennen;
Es blickt sie liebend an, doch schmerzentstellt und bleich;
Die Lippen regen sich und scheinen sie zu nennen,
Und jetzt erhebt es eine Wolkenhand ?
Ihr Schatten fährt sogleich auf Meilen über's Land ?
Und einen Abschiedskuß scheint es ihr zuzuwerfen,
Gleich Thränen bricht ein Strom aus seinen Augen los;
Sie schreit, sie taumelt, sinkt ? es reißen ihre Nerven ?
Bewußtlos fällt sie hin in ihrer Frauen Schoos.


  1. Das von der Hofcensur günstig beurtheilte Gedicht sollte zu Michaeli 1812 bei Anton Strauß in Wien erscheinen, doch wurde seine Herausgabe von dem Staatsminister Grafen von Metternich einiger Stellen wegen nicht gestattet. Um es vor dem Untergange zu retten, übergab es die Dichterin im Herbst 1817 der Erzherzogin Henriette, der Gemahlin des Helden von Aspern. Probefragmente daraus brachte Hormayr's historisches Archiv, J. 1812, Nr. 36 n. 37.
  2. Bei den Angriffen des ersten und zweiten Corps auf das Dorf Aspern
  3. Anton Jäger