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Die tolle Liese von

Die tolle Liese

Gegrüßt, du schöne Wildniß im Sommersonnenschein!
Uraltes Schloßgemäuer auf schroffem Felsgestein,
Bekränzt von dunklen Tannn, von Wiesen grün umschmiegt,
Das holde Thal beherrschend, das dir zu Füßen liegt!

Wie alles Menschentreiben fernab von hier verklingt,
Ken Ton der Lust, des Jammers zu diesen Höhen dringt!
Gegrüßt, du hehre Stille, du Waldesmajestät,
Von Lüften nur durchsäuselt, von Stürmen nur durchweht!

Kaum ruf' ich's aus - was ist es, das dort die Büsche theilt
Und scheu zugleich und hastig mir stumm entgegeneilt?
Das wetterbraune Antlitz versteint für Lust und Leid.

Wildschön ist die Gebärde, mit der auf's Knie sie sinkt
Und mit erhob'nem Arme wie um Gehör mir winkt;
Sie flüstert irren Auges manch unverständlich Wort,
Dann springt sie auf, und lautlos eilt leichten Schritts sie fort.

Die schlanken Glieder aufrecht, geschmeidig, dennoch stramm,
Erklimmt sie leicht wie Gemsen den steilen Felsenkamm,
Und ob mein Blick ihr nachfolgt, erspähend ihren Lauf -
Umsonst! schon nahm der Bergwald das Räthselwesen auf.

Wer ist's? - Ich wende thalwärts erschüttert mich und bang,
Und sieh! gar bald erfahr' ich's, schon meinen Weg entlang:
Das Kind, das Beeren sammelt, der Hirt auf grünem Grund,
Das Mütterchen am Stabe, sie alle thun mir's kund.

Ist doch die tolle Liese daheim, der Berge Kind,
Ist überall und nirgends und flüchtig wie der Wind.
Ich lausche, und ihr Schicksal, ihr ganzes Leben steigt
Empor vor meiner Seele, eh' sich die Sonne neigt. - - -

Am Fuß des steilen Berges, wo flink das Mühlenrad
Sich unter'm Gießbach windet, führt hügelan ein Pfad;
Wer ihn verfolgt, der glaubt wohl zum dunkeln Wald zu geh'n,
Doch sieht er bald ein freundlich Gehöfte vor sich steh'n.

Auf schwellend grünem Hügel, Fruchtbäume rings herum,
So steht das weiße Häuschen, ein Waldesheiligthum,
Umringt von stolzen Bergen, ein liebliches Idyll:
Das ist der Liese Heimat, hier ward und wuchs sie still.

Ein Abbild ihrer Gegend, so wild, so lieblich auch,
War ähnlich sie der Blüthe am wilden Rosenstrauch;
Unnahbar wie die Rose in ihrem Dornenkleid
War für des Thales Burschen die stolze, scheue Maid.

Doch einst - da führt das Schicksal ihr einen Fremden nah',
Mit dunkeln Räthselaugen, wie sie noch nie sie sah;
Und wie am nächt'gen Himmel ein Blitz, so war ihr Strahl,
Der erst sie tief erschreckte und dann die Ruh' ihr stahl.

Der Flötenton der Stimme, das schwarze Lockenhaar,
Die südlich leichte Anmuth schien ihr so wunderbar,
Die fremde Art und Weise so neu und doch so traut;
Es war ein welscher Steinmetz, der an der Straße baut'.

Wo sie zuerst sich trafen, sich näherten gelind,
Der kühne Sohn des Südens, das scheue Alpenkind -
Ich wüßt' es nicht zu sagen; vielmehr, zu mannigfalt
Sind holde Möglichkeiten, die jeder selbst sich malt.

Stieg sie vom Fels, Diana, geschürzt ihr leicht' Gewand,
Die Sichel auf dem Haupt nicht, doch blinkend in der Hand,
Im schön geschwung'nen Arme des duft'gen Grases Last,
Dieweil von heißer Arbeit er hier hielt Mittagsrast?

Wie? oder klang beim Mähen ihr Alpenlied herab,
Das seine welsche Kehle viel süßer wiedergab,
Bis Sängerin und Echo sich jäh zusammenfand,
Und er der Überraschten gar hold genüberstand?

Wie mocht' er sie erobern? mit feuriger Gewalt?
Mit sanften Schmeichelreden? mit list'gem Hinterhalt?
War's süß erschreckt, war's kämpfend, daß sich ihr Herz ergab?
Genug - er brach die Rose, die holderblühte, ab.

Dieweil der fremde Zauber sie ganz gefangen nahm,
War's, daß der reiche Müller um sie zu freien kam;
Die schmucke Dirne reizt' ihn durch ihre Sprödigkeit,
Vermißt' er auch die Schätze in ihrem Brautgeleit.

- Als stürzten rings die Berge, die hochgethürmten, ein,
So starrten Liesens Ältern bei ihrem raschen ?Nein!"
Der Vater wollt' sie schlagen - die Mutter schützte lind
Vor seinem Zorn das einz'ge, das widerspenst'ge Kind.

Sie schwieg; hätt' ihrer Mutter auch beichten sie gewollt,
Verlangt' es doch ihr Liebster, daß sie noch schweigen sollt'.
Was hätt' sie nicht erduldet und freudig nicht gethan
Für ihn, zu dem sie aufsah, den vielgeliebten Mann?

Und doch - er schien verändert und kühl in jüngster Zeit,
Wiewohl sie sich's verhehlte in inn'rer Bangigkeit;
Oft harrte sie vergebens und mißt' ihn bitter schwer,
Er kam zerstreut und flüchtig, dann kam er gar nicht mehr.

Sie eilt zum Straßenbaue und fragte bang um ihn
Und hört', er sei von dannen, man wisse nicht wohin;
Er sei gar froh geschieden und wolle Städte schau'n,
Wohl sei er's müde, Straßen im Hochgebirg' zu bau'n.

- Die arme Liese preßte zurück den Jammerschrei.
Der jäh sich ihr entrungen, und wankte stumm vorbei.
?Warum so eilig, Schöne? Du warst gewiß sein Schatz?
So warte doch, wir füllen Dir willig seinen Platz.

?Da sieh' - hier hast Du Auswahl! - Ei, finsteres Gesicht!
Der fand sich längst schon Bess'res als Dich, der lose Wicht!"
- So ihr den Weg verstellend mit täppisch rohem Scherz
Zerfleischten seine Freunde ihr schwer getroff'nes Herz.

Sie floh mit schwanken Schritten; o, nur im Wald allein,
Allein mit Schmach und Jammer, und fern dem Spotte sein!
Sie hatte keine Thränen: wie war die Welt so leer,
Nur Bitterniß und Schande und Meineid ringsumher!

So schleicht, zu Tod verwundet, ein Reh dem Dickicht zu'.
Wie Liese kehrt' nach Haus; doch ward ihr keine Ruh'.
Erspäht hatt' ihren Umgang des Müllers Eifersucht,
Der sagt' es heut' dem Vater, der ihr darob geflucht.

Doch war sie nicht zu finden; weh ihr, wenn sie erschien!
Nun kam sie still des Weges, die falsche Sünderin;
Was stundenlang sich häufte von älterlichem Zorn,
Ergoß sich blind auf's Haupt ihr, ein unerschöpfter Born.

?Du, alter Ältern Sorge, erwählt zur Müllerin,
Zur Frau der ganzen Gegend, wirfst buhlend Dich dahin
Dem nächsten Vagabunden, der durch die Lande streicht,
Wer weiß? vielleicht den Galgen verdient und bald erreicht?!

?O Schande, dies zu hören aus Deines Freiers Mund,
Mit liederlichen Welschen zu wissen Dich im Bund!
Du kommst nach langen Stunden zurück vom Stelldichein
Und meinst noch meine Tochter und hier daheim zu sein?!

?Hinweg, verworf'ne Dirne! Du, nimmermehr mein Kind!
Geh' hin zu Deinem Liebsten, wo Deinesgleichen sind!
O wärst Du nie geboren, zu schänden mir mein Haus!
Du hast nun keine Heimat mehr hier, fort, fort hinaus!"

- Der grausam sie hinausstieß in jähem, bitterm Groll,
Nicht ahnt' er, daß von Jammer ihr Herz schon übervoll,
Daß ihr verstörtes Dasein, durch alles, was er sprach
Den letzten Halt verlierend, geknickt zusammenbrach

Als sie verzweifelt fortlief zum tiefsten Waldesgrund,
Da meint' er streng befriedigt: ?Die Straf' ist ihr gesund!"
Er schalt der Mutter Bangen: ?Du warst mit ihr zu gut!
Nur meine Strenge bessert das widerspenst'ge Blut!"

O schwer bethörter Vater! ja wohl, sie ward gesund:
Sie fühlt' sich nicht mehr elend, verlassen, todeswund;
Und in dem tollen Wirrsal, das ihr im Haupte kreist,
Blieb nichts zurück, was Jammer, und nichts was Freude heißt.

Geschändet und verlassen, verstoßen, heimatslos!
Dies war ihr letzt' Bewußtsein, da hin sie sank in's Moos,
Zu Tod erschöpft, von Sinnen; der junge Tag erwacht',
Mit ihm ihr junger Körper - im Geiste blieb es Nacht.

Die alten Ältern starben, das Haus ward still und leer,
Die Liese irrt' durch Wälder und kehrte nimmermehr;
Denn brachte man voll Mitleid gefesselt sie nach Haus,
So sprengte sie die Bande und eilte wild hinaus.

Und dennoch, gleich der Schwalbe, die scheu umkreist ihr Nest,
Die Menschennähe meidet und doch von ihm nicht läßt,
So blieb die arme Irre im Kreise festgebannt,
In heimatlichen Bergen, von jedermann gekannt.

Im Winter, wenn aus Wäldern und von der Berge Schnee
Zu Häusern sie herabtreibt und zähmt des Hungers Weh,
Da schiebt man vor die Thüren ihr Speisen und Gewand,
Denn gleich dem Wild verschmäht sie das Brod aus Menschenhand.

Warum sie, wenn ein Fremder in ihre Wälder dringt,
Mit flehender Gebärde vor ihm auf's Knie wohl sinkt,
Hat keiner noch errathen; doch keinem kam sie nah',
Der nicht zu tiefst erschüttert auf sie herniedersah.

- So schwinden ihr die Jahre, so lebt sie gleich dem Wild,
In traurigster Zerstörung ein edles Menschenbild.
Für tausend stumpfe Herzen, die Schande, Schuld und Schmach
Mit eklem Gleichmuth tragen - hier eins, das drüber brach!