Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Was die Dorfspatzen sahen und hörten von

Was die Dorfspatzen sahen und hörten

Im Giebelbau am Mühlenbach
Da tropft der letzte Schnee vom Dach;
Die Sonne leckt am Rinnenstein
Und lacht in's Spatzennest hinein:
?Ei, flink die Köpflein nun herfür,
Der Frühling steht vor eurer Thür!"
Da lugt Frau Spatz geschäftig aus,
Nichts hält sie mehr im dumpfen Haus;
Es war auch gar ein kaltes Nest,
Herr Spatz saß irgend sonstwo fest. -
Nun breitet sie die Flügel aus
Und flieget über's Nachbarhaus,
Pickt an das Kammerfensterlein:
?Marie-Magdlen', 's wird Frühling sein!
Schon sind von Blüthenknospen schwer
Gebüsch und Hecken ringsumher;
Die Zweige reckt der Apfelbaum
Und schüttelt ab den Wintertraum;
Die Watschelenten hinterm Haus
Beschnattern schon den Schneckenschmaus".
Drauf kommt des Nachbars Kind heraus,
Ein Mädchen, wie ein Blüthenstrauß,
So morgenfrisch, so lieb, so traut.
Das soll wohl sein! sie ist ja Braut. -
Ihr Liebster ist des Grafen Sohn,
ER sagte ihr: ?Ich komme schon,
Marie-Magdlen', zur Osterzeit,
Dann ist die Hochzeit' nicht mehr weit.
Was auch die Welt mir bieten wollt',
Du bleibst mein Leitstern licht und hold,
Ein Königreich tauscht' ich nicht ein
Um meines Liebchens Augenschein!"
Er glaubt' es selbst wohl, was er schwor,
Nicht kam's aus falschem Sinn hervor.
Wie weinte er zur Abschiedsstund'!
Wie küßt' er ihren rothen Mund!
Gab ihr ein golden Ringlein klein;
Es soll der Treue Sinnbild sein:
Der Goldreif und die Ewigkeit
Sie sind ja ohne Ende beid';
So sei die Minne treu und hold
Und lauter wie das ächte Gold. -
Ja, darum glänzt das Ringelein
So hell im Frühlingssonnenschein!
Ja, darum strahlt so fromm und klar,
Marie-Magdlen', dein Augenpaar!
Des Müllers Peter thut mir leid,
Ihr wuchset auf zusammen beid'
Wie Blüthen an dem Apfelbaum,
Und aus ist nun sein Frühlingstraum.
Ihm ist die Welt so öd' und leer,
Wie ein Gespenst wankt er einher:
Marie-Magdlen', so lieb und traut,
O wärst du doch des Peter's Braut! -

?Was sinnst du denn, du gutes Kind?
Was schaust du denn, sprichst mit dem Wind?
Laß doch den dummen Schnickschnack sein,
Und streu' uns Futter, Mägdelein!"
So schilt Frau Spatz und hüpft umher,
Das Warten wird ihr gar zu schwer;
Zum Futterplatze mit Geschrei
Eilt auch das Hühnervolk herbei.
Marie-Magdlen' steht wie im Traum,
Sie lächelt nur und regt sich kaum;
Da fliegt das Pfauentaubenpaar
Ihr schmeichelnd auf die Schulter gar.
?Das hat geholfen; ei, seht her!
Die Hände werden ihr nicht leer;
Sie lockt und spitzt das Mäulchen klein,
Als hätte sie ein Schnäbelein,
Und lobt den Hahn, den stolzen Herrn,
Der theilt die besten Bissen gern.
Ja, wär' mein Spatz nur halb so dumm,
Ich fröre nicht im Winter krumm;
Doch kommt der Tagdieb mir nach Haus,
Ich rupf' ihm alle Federn aus".
??O ho! Frau Sperling, - lacht der Pfau -
Ihr seid ja eine böse Frau!""
?Ei Mätzchen, bist du's? bonjour, Schatz!"
So hüpft herbei nun Meister Spatz
Und schnabelirt ohn' aufzusehn'n,
Als müßt' er essen noch für Zehn,
Und ist im Treffen immer vorn
Und bleibt auch bis zum letzten Korn,
Setzt dann sich auf den Rinnenstein
Und schwadronirt im Sonnenschein,
Und bind't mit Gäns' und Enten an
Und schimpft den Michel ?dummer Jahn!"
Den kümmert's nicht, er fegt in Ruh'
Den Stall und brummt sein Lied dazu.
Am Brunnentrog zuguterletzt
Hat er sein Schnäblein noch gewetzt,
Dann hüpft er fort: ?Ich muß nach Haus,
Sonst schilt mein Weibchen mich noch aus".

Daheim im Winkel hockt Frau Spatz
Und schmollt mit ihrem lieben Schatz;
Der lockt und schmeichelt: ?Komm heraus!
Wie freundlich sieht es ringsum aus:
Der Himmel prangt im Sonntagsstaat,
Schon keimt und sprießt eie Wintersaat,
Bald legt man Erbsen in das Feld
Die hol' ich Dir, mein Mätzchen, gelt?
Und sind die Kirschen reif und roth,
Dann hast Du wahrlich keine Noth!"
??Du Thunichtgut, Du Schelm, wär's wahr?""
?Ei ja, mein Schatz, ich weiß sogar
Auch Wolle für ein weiches Bett
Schön roth und blau, gelt, das ist nett?
Dorfkrämer Moses giebt sie her,
Hat schöne Sachen noch viel mehr!"
??Du Schmeichler, dürft' ich Dir nur trau'n?
Wie gern wollt' ich am Nestchen bau'n!
Doch sitz' ich fest einmal im Haus,
Spaziert Herr Spatz zur Thür hinaus"". -
?Nein, diesmal nicht, mein Mätzchen, nein,
Ein Mann ein Wort! so soll es sein.
Von meiner Fahrt erzähl' ich Dir,
Komm Mätzchen! gelt, jetzt bauen wir?"
Schon lauscht Frau Spatz mit halbem Ohr,
Schlüpft aus dem Winkel flink hervor.
??Ja, so erzähle, lieber Mann"";
Da fängt der Schelm behutsam an:
?Hör'! in der Stadt - des Grafen Sohn -
Doch still - man spricht nicht gern davon".
Da schmeichelt sie: ??Erzähl' doch, Schatz!""
Und schnäbelt ihren lieben Spatz. -
?Ei, daß ich's sage, Frau mir graut!
Der Graf hat eine neue Braut. - -
Sie ist gewaltig reich und fein
Und zieht als Gräfin nächstens ein.
Marie-Magdlen', das arme Kind,
Es weint sich wohl die Augen blind".
??Ei, Mann, das ist ein schlechter Streich!
Ihr Männer seid doch alle gleich ...""
?O ho! - fährt mürrisch drein Herr Spatz -
Dich ausgenommen! lieber Schatz!" -
So schwatzten sie noch lang und breit
Und bauten froh am Nestchen beid',
Als aber kam das Osterfest,
Was lag da wohl im Spatzennest? -
Fünf allerliebste Eierlein,
Gesprenkelt braun und weiß, ganz klein!
In wenig Wochen aber drauf,
Da that ein jedes Ei sich auf;
Fünf Knöpflein reckten sich empor,
Fünf Schnäblein schrieen dann im Chor,
Und jedes bracht', ganz wunderbar,
Gleich mit sein Federwämslein gar.
Das war ein Leben in dem Haus!
Die Alten flogen ein und aus
Und holten Futter für die Brut,
Und Mätzchen war dem Spätzchen gut. - -

Rings Sonnenglanz! der Himmel blau!
Froh rauscht der Mühlbach durch die Au;
An Baum und Strauch ist über Nacht
Nun Blüth' um Blüthe aufgewacht:
Im Spatzennest, welch' ein Geschrei!
Als ob im Dorfe Kirmes sei.
Die flügge Brut sie will hinaus,
Wen hielt' es heute auch im Haus?!
Der Vater fliegt den Kleinen vor,
Das Mütterlein folgt stolz dem Chor;
Da regen sie die Schwingen klein
Und flattern über Zaun und Stein,
Da recken sie die Hälschen schnell
Und schau'n aus klugen Äuglein hell.
?Wie schön ist doch die Frühlingswelt,
Wie reich geschmückt ist Wald und Feld!?
Geschwätzig geh'n die Schnäbelein,
Dann flattern sie in's Dorf hinein.
?Ei, Mätzchen, sag', ws ist denn los?
Geschäftig sieht man Klein und Groß.
Wie schmücken sie die Häuser aus,
Am Brunnen gar ein Blüthenstrauß!
Und sieh! udn sieh! dort überm Weg,
Vom Wirthshaus bis zum Mühlensteg,
Ein Blumenseil ist hochgespannt
Mit Fähnlein, Kranz und Flittertand!"
??Ei, Mann, es muß wohl Sonntag sein,
Wie staats sind alle Mägdelein!
Und selbst der Traut' ihr alter Mann
Hat frisch gewasch'ne Hosen an"".
?Nein, Mätzchen, Sonntag kann nicht sein,
Denn gestern ging es aus und ein
Beim Moses in der Trödelbud',
Der sonst an seinem Sabbath ruht".
??Und doch ist Sonntag, lieber Mann,
Es waren Grethel und Susann'
Am Tag vorher so ruppig beid',
Wie Vöglein in der Mauserzeit;
Geputzt ward in des Pfarrers Haus,
Beim Schultheis klopft' man Bettzeug aus,
Und abends roch ich Kuchenduft,
Dann schwebt ein Sonntag in der Luft!
Seht! aus dem Schulhof drängt sich gar
Im Sonntagsstaat die Kinderschaar,
Die Großen mit dem Notenbuch ...
Ei, daraus werde Einer klug?!
Dort steh'n sie nun in Glied und Reih',
Die Musikanten auch dabei.
Nun kommt ja gar der Herr Pastor
Und auch der Cantor kommt hervor,
Es folgt die Fahn' vom Turnverein,
Schaut nur die Pracht, ihr Kinderlein!
Der Michel trägt sie hoch und stolz,
Ei ja, das ist kein Besenholz!
Breitspurig schreiten hinterdrein
Der Schultheis und sein Schreiberlein,
Der Krämer und der Wirth ?Zum Stern"
Und aus der Stadt zwei feine Herrn;
Dann kommen alle Mann für Mann,
Die Schöffen und Großbauern an,
Auch schmucke Pächtertöchterlein,
So froh und frisch, so hold und fein;
Da sind die Knecht' und Mägde auch,
Ganz wie's am Erntefeste Brauch,
Mit Band und Kränzen schön geziert,
Mit Senf' und Rechen austaffirt. -
?Frischauf! gespielt, ihr Musici!
Hurrah, hurrah! jetzt kommen sie!""
Und in den Jubel stimmen ein
Die Glocken hell im Dorfkirchlein.
?Ja, dort am Berg, Staubwolken, schau!
Der Graf ist's und die junge Frau". - -
Der Wagen naht. Jetzt ist er da;
Und Alles jubelt: ?Heil, hurrah!"
Die Musik spielt, es singt der Chor,
?Willkommen!" spricht der Herr Pastor.
Wie eine Königslilie rein,
Wie eine Rose hold und fein,
Neigt sich die junge Frau hinaus;
Man reicht ihr einen Blumenstrauß.
Ein kleines Büblein tritt heran,
Fängt seinen Spruch zu stottern an:
Von Lieb' und Trau' so fromm er spricht,
Und auch von dem, der alles richt',
Der über Erd' und Sternen thront,
Der still im Menschenherzen wohnt,
Der jedes falsche Wort vernimmt,
Der jeder That den Lohn bestimmt,
Der allen Menschen groß und klein
Ein treuer Hort will ewig sein. -
Die Gräfin lauschet still beglückt;
Doch neben ihr, der Welt entrückt,
Lehnt stumm und bleich der junge Graf:
Des Kindes Wort das Herz ihm traf. -
Der Unschuld Blick, so rein und licht,
Trifft ihn wie Gottes Strafgericht. - -

Und Stimmen wachen auf zumal,
Horch, horch! was rauscht der Bach durch's Thal?
Und was erzählt der Frühlingswind
Von einem armen, blassen Kind,
Von einem Veilchen, das verfrüht
Im Rauhfrost trauernd ist verblüht?
Und sag', was schauern Blatt und Baum?
Ist's ein verklung'ner Frühlingstraum,
Der klagend wie ein Sterbelied
Geheimnißvoll das Land durchzieht?
Husch, husch! ein Vöglein flattert auf
Durch's Wiesenthal den Berg hinauf;
Dort steht ein Haus im Sonnenschein,
Da kehrt der Frühlingsbote ein,
Und schmettert im Gezweig sein Lied,
Das hell durch alle Fenster zieht. -
Drin ist es still; man höret nur
Den Pendelschlag der alten Uhr.
Dort auf dem Lager, schaut nur, schaut!
Marie-Magdlen' geschmückt als Braut -
Wie eine Lilie anzuseh'n
Zu Häupten ihr zwei Kerzen steh'n,
Im Frieden strahlt ihr Angesicht,
So ein und still - o weckt sie nicht!
Das Haupt tief auf die Brust geneigt,
Stumm thränenlos, das Haar gebleicht,
Ihr Vater knieet zu Füßen ihr
Und ringt nach Trost und Ruhe - hier. -
Und Einer noch lehnt an der Wand;
Der Müller ist's, hält in der Hand,
Den Blick gesenkt, - drei Röslein roth
Und steht so starr, als wär' er todt. -
Sag' an, was willst Du Ärmster hier?
Ihr letzt' Gebet es galt nicht Dir,
Ihr letzter Blick, ihr letztes Wort -
Und dennoch, ach, kannst Du nicht fort.
Du sturmgeknickter Eichenbaum,
Vorbei ist nun dein Frühlingstraum. -
Er legt auf's Bett den Rosenstrauß,
Er zögert lang und wankt hinaus,
Blickt noch zurück: ?Marie-Magdlen',
Im Frieden ruh' - auf Wiederseh'n!" -