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Der Weihnachtsabend von

Der Weihnachtsabend

Komm, o ländliche Muse, des einsamen Lebens Gespielin,
Tauche den Pinsel, o traute, in Iris Tinten; es gilt ja
Heute das Fest der holden, rotwangigen Kindheit.
Male mir dann mit ihren schönsten, glühendsten Farben
Ach, die Wonne der hehren, kerzenerhelleten Christnacht.
Endlich war er gekommen der unaussprechlich ersehnte
Vier und zwanzigste Tag des stürmenden, trüben Decembers
Und es freute der Himmel sich sichtbar der Erde voll froher
Kinder, die weit und breit die leisesten Wünsche der Sehnsucht
Schon im Geiste erfüllt sah'n. Sieh, es erwärmte die heit're
Wintersonne lächelnd das kalte Antlitz der Erde.
Sieh, sie umglänzete liebend mit ihren goldensten Strahlen
Heute das Grab der Blüthen und Blumen des Lenzes, als sollten
Heute sie schon ersteh'n zum neuen wonnigen Leben.
Aber die Blüthen und Blumen, sie blieben im harrenden Schlummer;
Nur das silberne Maiglöcklein voll strömender Düfte
Hatte das Gärtners Kunst mit täuschender Wärme geweckt;
Doch es sah vergeblich mit schüchternem Blick nach den grünen,
Schützenden Blättern sich um. So sieht in Ägypten das Küchlein,
Welches die brütende Wärme des Ofens trüglich in's Leben,
Ach! in's Leben, doch ohne die schützende Mutter gelockt hat,
Nach der Muttertreue umher, und findet sie nimmer.
Und es tranken begierig den Strahl der liebenden Sonne
Junge Schösse der Rosen, gepflegt von den Händen der Jungfraun,
Und erzogen am Fenster des hellen, geräumigen Saales,
Wo sich versammelt die Schaar der Mägdelein horchenden Ernstes,
Wenn der Lehrer erscheint mit der Welt aus Pappe geründet,
Und mit den Reichen der Erde gebildet auf Kugeln und Flächen,
Sie dann im Raum des Köpfchens unendliche Räume umfassen;
Oder wenn sie von Blei, durch Bildners Hände geformet,
Alles was flieget und kriecht und schwimmt und hüpfet nun mustern,
Und, wie Noah, im Kasten sie friedlich alle versammeln:
Lamm und Löw', wie Tiger und Hindin, Geier und Täubchen
Ruh'n im Kästchen beisammen in holder, lieblicher Eintracht;
Oder wenn sie die Wahrheit, daß zweimal zweie nicht fünfe,
Sondern vier nur machen, mit grübelndem Ernste durchdenken;
Oder an den barbarischen Namen der Hamburger Zeitung
Üben das schwache Organ, wie Demosthenes einst an den Kieseln; ?
Wo nach richtigem Takt und geschickt so lehret ein Franzmann
Hüpfen und fröhlich sein; wo der Zeichner sein schönes Arkanum,
Blumen und Frucht und Baum und Thier' und Menschengestalten
Auf das Papier zu zaubern mit willig gehorchender Kreide
Freundlich enthüllt; und endlich, wo allen die Thaten der Menschen,
Und was das Schicksal herrisch und ernst d'raus wirket und webet,
Uns erscheint, von Adam bis auf den erhabenen Weisen,
Der nur wußte, wie viel des Wissens ihm fehle, der Große!
Frei im Kerker, in Fesseln, und frei beim Becher voll Schierling;
Und von dem Einen, deß Herz voll himmlischer, göttlicher Liebe,
Bis auf ihn voll seelentödtenden, höllischen Hasses,
Welcher gebot, nicht fürder zu nennen den Namen der tröstend
Alle Tiefen durchwallt und durchströmt der belasteten Seele;
Von Cornelia, Porzia, bis auf Maria Therese,
Und von Cäsar und Brutus bis auf den einzigen Friedrich:
So hinauf und herab die Thaten der Menschengeschlechter
Alle vorübergehen dem Blicke der sinnenden Jungfrau'n.

Hier nun war die Schaar der zweimal zehen versammelt;
Lieblich saßen sie heute beisammen in himmlischer Eintracht,
Groß und klein, denn gleiche Freude durchströmte sie alle:
Diese stiller in sich mit sinnendem Geiste gekehret,
Jene mit strömender Fülle ? sie muß sich ergießen ? und jene
Zärtlich kosend und liebend und gerne sich selber vergessend.
Voll elektrischer Funken die andern, dürstend nach Kenntniß,
Ruhig thätig, der wirklichen Häuslichkeit treulich ergeben,
Siehet die dritte alle mit Riesenschritten in Künsten
Sichtbar vorüber sich eilen, doch neidet die glücklichern Schwestern
Nimmer. Das Schneckchen dort bleibt sorglos ruhig zurücke,
Hört die Stimme der Liebe wohl auch, kann aber nicht folgen;
Nimmer erhob es sich noch zum höheren inneren Leben.
Aber ihr alle, ihr trauten, lieblichen Mägdlein und Jungfrau'n,
Sanft und feurig, kräftig und schwach, und muthig und schüchtern,
Habet geprägt eu'r Bild mit unauslöschlichen Zügen,
Habet tief in Theano's Seele die Namen gegraben.
Wären Geistesadel und Geistesschätze zu kaufen,
Wären für nächtliche Ruhe sie feil, für Tage des Lebens,
Ja, ihr Holden, es kaufte für euch Theano die Fülle;
Jegliche fände zum Christnachtsgeschenk die schönsten Patente.
Aber das, ihr Geliebten, sind freie Gaben des Himmels;
Nur gegeben wird dem, der gebrauchet, was ihm gegeben,
Daß er habe die Fülle; und wer nicht brauchet, dem Trägen
Wird, was er hatte, genommen; ihm rosten die Kräfte des höhern,
Besseren Lebens. ? Mit laut pochendem Herzen begleitet,
Sank sie endlich hinab die alles vergoldende Sonne.
Jauchzend sangen ihr nach die Mägdlein, jauchzender sah'n sie
Heute den Stern mit bläulichem Licht, begrüßten ihn froher,
Zählten vom Aufgang dann des schönen zur siebenten Stunde
Harrend die langen, ach unendlich langen Minuten;
Täuschten die zögernde Zeit mit Liedern und süßem Geschwätze.
Selige Hoffnung, mit dir, mit dir, ach, schwände das reichste,
Schönste Juwel dahin aus dem Ringe des irdischen Lebens!
O wie reißt der Hoffende an sich die lächelnde Zukunft!
Mächtig eignet er sich, was nicht ist, und hat es genossen,
Sollt' es auch nimmer zur Wirklichkeit reifen, für ihn ist's gewesen. ?
Aber wer malt uns die Lust, als endlich die schönste der Horen
Siebenmal rief, und Harf' und Gesang und Gespräche verstummten;
Denn mit ihr erschien Theano: ?Kommt, ihr Geliebten!
Alles ist nun bereit, empfanget mit kindlichem Herzen
Was die Geberin, o wie gerne, wie fröhlich beschert hat!"

Trunken von Freud' und Erwartung der Dinge, die ihrer nun harrten,
Stürmte die Schaar die Treppe hinan: so stürmten einst Griechen
Beute verlangend hinan die Mauern der heiligen Troja.
?Sacht, ihr Kinder! denn allzulaute, zu trunkene Freude
War ja nimmer die schönste, und ziemte ja nimmmer den Jungfrau'n".
Aber sie stürmten hinan, und Theano, die frohe Theano,
Drehte mit ihnen von neuem im Taumel der seligen Kindheit
Wirbelnd sich um; es versanken in Lethe der Schmerz sammt dem Trübsinn.
Woll ihr sie kennen, die selige Freude, so hauset mit Kindern.
Wenig bedarf ja der Sinn, der alles mit rosigem Schimmer,
Was sich ihm nähert, beglänzt, mit Sonnenlicht es vergoldet.
Dreimal selige Kindheit! und dreimal selige Jugend!
Ach, es gleichet dein ganzes holdseliges Leben und Wesen,
Gleichet der schönen, der gold'nen, von Kerzen erhellten Christnacht! ?
Sieh, es erschollen vom Jubelgeschrei die Wände des Hauses.
Auf nun flogen die Thüren des glanzerfüllten Gemaches. ?
Und es waren die Namen der Jungfrau'n alle geschrieben,
Daß nicht Zweifel und nicht Verwirrung die Holden betrübe.
Flatternd schwebte der Name von Jeglicher über den Schätzen,
Welche Jeglicher heute bestimmt ein freundliches Schicksal.
Siehe, sie folgten verschämt und freudig dem Zuge des Namens,
Und es strahlt' in den Augen des leisesten Wunsches Erfüllung:
Viel des Putzes, in Maja's erlesenste Farben getauchet;
Denn die Mägdelein lieben das frische, blühende Leben,
Lieben's in Blumen und Bändern, und wissen was Schöne verschönert,
Wissen von schönen Gewändern gar schlau das schönste zu wählen.
Aber sie alle fanden die eigensten Wünsche in allem
Heute getroffen, was auch für Jedes immer erkiest war.
Neidenswerth neidlose, genügsam selige Jugend,
O wie bist du so überschwänglich reich in dir selber!
Keine zürnet dem Loose der reicher begabten Schwester.
?Werdet wie Kinder, sie sind des Himmels Erben schon diesseits".
Ja, ihr lernet von mir, Genügsamkeit lern' ich von euch dann.
Und es schlossen den freudigen Kreis um Theano die Jungfrau'n,
Schmiegten dankend sich an, und schleppten sie bittend gewaltsam
In ihr stilles Gemach, das nun zum Tempel geschmückt war
Ämsigen Fleißes und der weiblichen Künste der Nadel,
Welche beschämen den Pinsel an Frische und glühenden Farben.
Alle hatten geopfert die Früchte des rühmlichen Fleißes,
Die den frommen Händen in Stunden der heiligen Frühe
Schön gelungen, und herrlich nun strahlten den Augen Theano's.

Wollt ihr sie kennen, die selige Freude, so hauset mit Kindern;
Frohere Nehmer und schönere Geber, ihr findet sie nirgends.
Ach! sie standen, die Blicke gesenkt, und lieblich erröthend;
Heimlich doch forschend am Blicke Theano's, auf welcher der Gaben
Er am längsten und liebsten verweilete; leise nun flüsternd,
Spät sich berathend, was wohl für schönere Wahl sie verfehlet.
Aber liebend und dankend schloß Theano sie alle
An ihr bebendes Herz, und es rannen die Tropfen der Freude.