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Das Wunderbild von

Das Wunderbild

Zur Zeit, da Luther und Calvin,
Von Gott gerüstet, sich bestrebten,
Die armen Menschen, die in dicker Blindheit lebten,
Vom Aberglauben abzuzieh'n,
Da war ein Wunderbild, geschmückt wie Kaiserinnnen.
Die Lahmen beteten: ?Frau, heile meinen Fuß!"
Der Taubgeword'ne gab der Erde manchen Kuß,
Um sein Gehör hier wieder zu gewinnen.
Das unfruchtbare Weib verließ den alten Mann,
Und stellte große Wallfahrt an
Mit Jünglingen, die auf der Mutter Rathen
Bei diesem Gnadenbild um gute Weiber baten,
Die man so schwer erbitten kann.

An einem Festtag kniete nieder
Ein ganzes Volk um den Altar.
Sie sangen Hymnen, sangen Lieder;
Es peitschte sich, wer recht andächtig war.
Am längsten blieb zu ihrem Fuße
Ein armer bärtiger Soldat,
Der sie vielleicht im Ton der Buße
Für seine Jugendschuld zur Mittlerin erbat.
Er ganz allein hat da gelegen,
Als schon die Priester allen Segen,
Schon allen Ablaß ausgetheilt,
Zum fetten Mahl und guten Wein geeilt.

Der Tag ward zugebracht mit Freuden,
Und an dem andern Morgen früh
Ging unsere liebe Frau ein Priester umzukleiden;
Denn mehr als fünfzig Kleider hatte sie.
Vor Schrecken fuhr der Priester ganz zusammen:
?Den frechen Dieb soll Gott verdammen!
Hier fehlet eine Perlenschnur!"
So schrie er, als sein Herz in ihm zusammenfuhr.
Man forschte nach, und endlich ward befunden,
Daß lange nach den Andachtstunden
Noch ein Soldat vor ihr gekniet.
Er wird geholt, er kommt gebunden;
Und als er nun die Richter sieht,
Da spricht er: ?Ja, ich läugne nicht, zu haben
Die Theure Perlenschnur. Doch ihre Hände gaben
Mir diesen Schatz. Ich bin ein armer Mann,
Der Weib und Kinder hat, und sie nicht nähren kann.

Ich hörte, daß dies Bild so viele Wunder thäte,
Drum lieg' ich lange da, und bete:
Ach, hilf mir, liebe Frau, wenn du begabet bist
Mit solcher Gotteskraft auf Erden!
Mir hilft kein römischer, katholisch guter Christ.
Wenn du nicht hilfst, so muß ich werden
Aus Armuth heut' ein Calvinist.
Ich wiederholte diese Bitte
Mit tiefgeschöpften Seufzern oft,
Klagt' ihr den Mangel, den ich litte,
Und da geschahe, was kein böser Ketzer hofft,
Dies Wunderwerk: die Mutter Gottes langte
Mir diese Perlenschnur, die an dem Halse prangte,
Mit ihrer starken Hand herab,
Und sprach, indem sie mir sie gab:
Geh' hin und kaufe Brod für Weib und Kinder!
Nur werde kein verlorner Sünder!
Lauf' niemals aus der Kirche Schoß!
Sie sprach's; die Heiligen sind meine Zeugen!"
Die Richter hörten dies, und mußten schweigen.
Die Priester riefen aus: ?Maria, du bist groß!?