Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

An den Abend von

An den Abend

1764.

Der du dem hingesunknen Volke,
Das laut dir rufet, dich versteckst,
Und noch mit einer Azurwolke
Dich vor dem Blick des Tages deckst;

Komm, Hesperus, aetherisch milde,
Komm, Götterkind auf diese Höhn,
Komm auf die lechzenden Gefilde,
Die deinem Gruß entgegen sehn!

Matt liegen sie! des Landmanns rege
Tonvolle Freude hemmt ein Ach,
Die Blumen welken hin und träge
In dürren Ufern schleicht der Bach.

Ohnmächtig flüstert durch die Aeste
Ein Wind, von schwülen Düften schwer. -
Was zaudert ihr? Fliegt, fliegt, ihr Weste,
Und traget meinen Liebling her!

Triumph! Sie haben ihn gefunden!
O seht ihn! welch ein göttlich Bild!
Mit Ros' und Myrte rund umwunden
Und ganz in Wohlgeruch gehüllt.

Von Zephyretten hergetragen,
Die schon von seiner Wonne glühn,
Nachläßig, langsam schwimmt sein Wagen
Durch den zerrißnen Aether hin.

Im heitern drängenden Gewimmel,
Begleitet von der Scherze Chor,
Fliegt lächelnd durch die stillen Himmel
Die Freude seinem Wagen vor,

Und senkt, gegrüßt durch frohe Lieder,
Noch ehe sie sein Fuß betritt,
Sich segnend auf die Flur hernieder
Und singt in ihre Chöre mit.

O! welche Ambradüfte wallen
Von jedem Anger zu dir auf!
Herabgefleht, erseufzt von allen,
Beschleunige den trägen Lauf!

Antwortend klopfet dir in Schlägen
Des Mädchens und des Jünglings Brust
Dir eilet Mann und Greis entgegen,
Dir, Freund der Liebe, Freund der Lust!

Zu dir schwingt sich in Lobgesängen
Der Vögel lautes Volk empor.
Wie süßgemischte Töne drängen
Sich schmeichelnd in mein horchend Ohr!

Dir schlägt der Wachtel helle Kehle,
Die Lerche die sich früh erhob.
Die klangenvolle Philomele,
Die holde Amsel tönt dein Lob!

Welch ein Concert! Die kleine Grille
Mischt leisezirpend auch sich ein,
Und von dem fröhlichen Gebrülle
Des Viehes bebt der nahe Hayn.

Wer wird hier fühllos nicht empfinden?
Die ganze Flur wird ein Gesang;
Er tönt von Bergen, tönt von Gründen;
Der Nachhall wiederholt den Klang.

Und zornig dich zu sehn entrücket
Die Sonne deinem Auge sich;
Nur durch ein dünnes Wölkchen blicket
Sie schamroth einmal noch auf dich.

Wie schön, wie majestätisch schwebet
Ihr glühend Antlitz auf der Fluth!
O! welch ein goldner Schimmer bebet
In Purpurwolken! welche Glut!

Sie sinkt! sie sinkt! und läßt umwunden
Von dir die Erde, die vergißt
Daß sie des Tages Last empfunden
Und deinen milden Scepter küsst.

Um ihre Stirne frische Kränze
Und sanft geschlungen Hand in Hand,
Versuchen Hirten ihre Tänze
Und singen den, der sie verband.

Von deinem holden Einfluß trunken
Fühlt sich der Nymphen lose Schaar,
Und an des Freundes Brust gesunken,
Kränzt jene dort sein blondes Haar.

Sie lacht mit ihm und küsst ihn freyer,
Kein neidisch Auge darf sie scheun;
Dein grauer zartgewebter Schleyer
Hüllt sie in leichte Schatten ein.

Wie still wird izt die Luft! - Die Winde,
Wie lieblich sind sie und wie schwach!
Sanftlispelnd spielt das Laub der Linde,
Und sanfter lispelt Echo nach.

Durch Blumen rinnt die Silberquelle;
Es wäscht dem Ohr vernehmlich kaum
Mit klagendem Geräusch die Welle
Der schauervollen Grotte Saum.

Und immer dunkler wird die Hülle
Die deine Huld der Erde webt,
Und immer festlicher die Stille
Die alles nach und nach begräbt,

Bis daß gehört in Feld und Hütten
Kein Laut, kein Ton der Stimme wird,
Nur wo allein mit leisen Schritten
Noch heilige Betrachtung irrt.

Sie kömmt die Nacht, und alles lauschet,
Kein Stern erhellet ihr Gewand.
Ihr langsam schwerer Fittig rauschet,
Erquickt und schreckt das bange Land.

Der Gott des Schlafs fliegt ihr zur Seiten;
Die Phantasie, der Träume Flug,
Der Eulen banger Schwarm begleiten
Den ernsthaftfeyerlichen Zug.

Ein Mantel, der voll frischer Düfte
Sich stolz an ihrer Schulter bläht,
Fließt ausgewickelt durch die Lüfte
In stralenloser Majestät.

Und meiner müden Hand entsinket
Die Laute, die ich willig nahm,
Wenn vom Olympus hergewinket
Zu mir die jüngste Muse kam.