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Sankt Georg und die Wittwe von

Sankt Georg und die Wittwe

Als in Selena aus dem Rachen
Des blutbegierig grimmen Drachen
Sankt G'org mit heil'ger Tapferkeit
Die Königstochter kühn befreit;
Wie er besiegt das Ungeheuer
In mutig wundervollem Strauß:
Zog weit auf neue Abenteuer
Der gottgeweihte Streiter aus.

In Kappadocia geboren,
Gab er sein gräflich Land verloren,
Verspritzte fern sein edles Blut
In Christi Dienst mit kühnem Muth.
Schon manches Meer hat er befahren,
Der Ruhe Freuden längst entbehrt,
Erlegt viel tausend der Barbaren,
Doch mehr zum Glauben noch bekehrt

So kam er zum Aegypterlande,
Wo an des Nilfluß heißem Strande
Der Heide Thier und Element
Verblendet seine Götter nennt.
Und wie der Held mit raschem Ritte
Schon Alexandria erreicht,
Begab sich's, da vor nied'rer Hütte
Sich weinend eine Frau ihm zeigt.

Doch sie befällt ein heil'ges Grauen,
Den hohen Ritter anzuschauen,
Der wie aus einer andern Welt
Den Blick auf sie geheftet hält.
Nicht eines Sterblichen Geberde
Bedünket ihr sein frommer Gruß;
So segnend schwebt herab zur Erde
Vom Himmel nur ein Genius.

Die Linke hält das Roß am Zaume,
Das, wie geformt aus Meeresschaume,
Voll Stolz den edlen Reiter trägt
Und mit dem Huf die Erde schlägt;
Weiß glänzt die Fahne in der Rechten,
Die roth bekreuzet weit sich bläht,
In hundert blutigen Gefechten
Voran, die siegende, geweht.

Es prangt des Purpurkreuzes Zeichen,
Vor dem sich alle Frommen neigen,
Erlösung strahlend hehr und mild,
Auch auf des Ritters Silberschild;
Und glänzend über'm Helme schwebet
Mit ausgespreiztem Schwingenpaar
Die gold'ne Taube; golden strebet
Hervor sein reich gelocktes Haar.

Stumm wirft vor ihm das Weib sich nieder;
Kaum tragen schwankend sie die Glieder,
Als er, den zitternd sie verehrt,
Nun Speis' und Trank von ihr begehrt.
Doch eilet sie, wie er befohlen,
Mit folgsam regem Schritte schnell
Hinaus, ihm etwas Brod zu holen,
Und frischen Trank aus nahem Quell.

Herab vom Rosse steigt der Ritter,
Befestigt's an ein Rohrgegitter,
Und tritt, da scharf der Ostwind stürmt,
Hinein, wo ihn die Hütte schirmt;
Sein stolzes Haupt lehnt er gebücket
Zur Säule, die vom Schilf das Dach,
Das morsche, stützt, denn ungeschmücket
Steht leer das dürftige Gemach.

Da augenblicks mit vollem Leben
Beginnt's im dürren Holz zu weben;
Des Jugendtriebes neue Kraft
Strömt in die Adern frischen Saft.
Schon prangt der Stamm mit schlanken Zweigen,
Drängt strebend sich am Dach hinaus,
Und seine Aeste wuchernd reichen
Weit über das bescheid'ne Haus.

Der jungen Blätter grüne Hülle
Umkleidet rings der Knospen Fülle,
Die üppig aus smaragd'nem Grün
In buntem Farbenspiele glüh'n;
Schnell, wie die Rede, jetzt entfalten
Sich bunte Blüthen wunderbar,
Und bieten wechselnde Gestalten
Mit tausdendfachen Düften dar.

Geschaukelt hier von lauen Westen,
Schnell nistet in den breiten Aesten
Der Vögel fröhlich bunter Chor,
Und wirbelt schmetternd draus hervor.
Es scheint ein Geist sie zu beseelen,
Zur Harmonie wird jeder Klang,
Und voll aus tausend kleinen Kehlen
Tönt Freud' und Liebe der Gesang.

Und sieh! ihn würdig zu bedienen,
Steht eine Tafel aus Rubinen,
Wie man die gleiche nimmer sah,
Mit Labetrunk dem Ritter da;
Vom Baume, der noch kaum geblühet,
Löst schnell gereift die Frucht sich ab,
Und sinkt, die Gold und Purpur glühet,
In Saphirschalen leis herab.

Schon naht die Wittwe dies zu schauen,
Darf kaum den scheuen Augen trauen,
Und sinkt mit froh' entzücktem Sinn
Vor ihm zur Erde betend hin:
?So sollt' ich Glückliche erfahren ?
Sie ruft's ? wie durch ein Götterpaar
Beseliget vor grauen Jahren
Philemon einst und Baucis war.

?Auf's Neue steigt in uns're Mitte
Ein Gott herab, und meine Hütte
Schmückt er, der Armuth nied'res Haus,
Mit sel'gem Blick zum Tempel aus.
O sage nur, wie man Dich nennet,
Dem sich die Stirne schüchtern beugt,
Von dem mein Innres tief entbrennet,
Deß Blick von Himmelshoheit zeugt!

?Zu Phöbos' und Herakles' Ehre
Baut heit'rer Glaube hier Altäre,
Doch Du vereinigst wundervoll
In Dir Alciden und Apoll.
Dich schmückt, wie Zeus' gewalt'ge Söhne,
Gedoppelt hohe Eigenschaft:
Dem Götterjüngling gleich an Schöne,
Bist Du dem Heros gleich an Kraft.

?Eilst Du von Delphos heil'gen Gründen,
Hier Dein Orakel zu verkünden?
Verläß'st mit zornumhülltem Strahl
Du Delos' Ufer, Tempe's Thal? ?
Hast Du, der Thetis Arm entstiegen,
Gesalbt der gold'nen Locken Glanz?
Wie? Oder bringst aus fernen Siegen
Den immer frischen Lorbeerkranz?

?Kannst morschem Holz Du treibend Leben,
Der Blätter Schmuck und Früchte geben,
So ziehe mit dem Strahlenblick
Das theure Kind in's Licht zurück!
Dir dienend, ließ ich seine Leiche,
Von mir mit Mutterangst bewacht;
O laß in Deinem lichten Reiche
Nicht dies allein in Todesnacht!

?Gnügt doch der schwächste Deiner Strahlen,
Die Wangen röslich ihm zu malen;
So wenig, ach! von Deiner Gluth
Erwärmte das erstarrte Blut!
Magst Du die Pfirsichblüthe färben,
Reifst Du der Purpurkirsche Rund:
Und ließest grausam kalt ersterben
Violenbleich den süßen Mund?

?Ein Gott, hast Du den Schmerz empfunden,
Als dort von unfreiwill'gen Wunden
Vor Dir Dein Hyazinthus sank,
Und Tellus blut'ge Ströme trank;
Du preßtest mit bethräntem Blicke
Die starre Daphne an Dein Herz,
Beweintest Paëton's Geschicke,
Doch kennst Du nicht der Mutter Schmerz!"

Sie sprach's, vor Angst und Hoffnung bebend,
Als, die Erschöpfte mild erhebend,
Der Heil'ge zu dem Kind sich neigt,
Das sie erwartend ihm gereicht.
Er küßt die Stirne, gleich dem Eise,
In sich gesammelt zum Gebet,
Auf dessen Wunderkräfte leise
Schon Lebensodem niederweht.

Dann ernster ruft er: ?Wie verblendet
Bist Du der Wahrheit abgewendet!
Kann solchen Irrlichts eitler Schein
Der Stern im dunklen Leben sein?
So kündigt Jugendblüth' und Stärke
Betrüglich einen Gott Dir an?
Du kniest nur vor des Einen Werke,
Dem alle Schöpfung unterthan!

?Was ich für Siege mocht' erringen,
Von ihm allein kommt das Gelingen.
Wie Du vom göttlichen Geschlecht
Mich wähnst, bin ich des Höchsten Knecht.
Er macht im All die Menschen schweben,
Wie Thau im Blumenkelche rinnt;
Der Herr ist über Tod und Leben,
Gibt, Mutter, heute Dir Dein Kind!"