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St. Telemachus von

St. Telemachus

Welch prächtigwunderreiche Feste in deinen Mauern sich bereiten!
Hat sich, du glücklich Rom, erneuert der Ruhmesglanz vergangner Zeiten?
Zum Kapitol die Via sacra ? da braust ein stolzer Siegeszug,
Da naht der große Gothensieger, der Alarich, den Helden, schlug,
Vor dem der mächt'ge Heereskönig mit seinen Völkerhorden floh,
Da naht mit reicher Schlachtenbeute der Römerfeldherr Stilicho.

Er kommt, er selbst, der Weltenherrscher, des Antlitz Rom so lang entbehret,
Kommt aus den Sümpfen von Ravenna, daß er die Stadt der Städte ehret.
Hin zu den Hallen weithin leuchtend, dem herrlichhohen Palatin,
So lange leer und stumm und öde, sieht man den jungen Kaiser zieh'n.
Die stolze Wohnung der Cäsaren hat endlich wieder einen Herrn ?
O jauchze Roma, du beglückte, wie flammt so sonnenhell dein Stern!

Und wie die alten göttergleichen, gewaltigen Imperatoren,
Gibt er dem Römervolke Spiele, daß er zum Liebling sei erkoren.
Im Circus kämpfen Stier und Panther und Leopard und Elephant,
Und Wagen rasen um die Wette, gelenkt von kundigfester Hand.
Jedoch die Krone aller Spiele, die glanzvollfreudenreichste Schau
Bereitet heut sich in der Flavier gigantenhaftem Wunderbau.

Da kämpfen Menschen gegen Menschen: der Gladiatoren trotz'ge Schaaren,
Geübt in strengen Fechterschulen, und kriegsgefangene Barbaren;
Verbrecher, die hier furchtbar büßen, daß sie mit dem Gesetz entzweit,
Und Sklaven, die des Herren Großmuth der finstern Todesgöttin weiht. ?
An all den mächtigen Arkaden welch Drängen, Stoßen, Lärmen, Schrei'n!
Schwillt unabsehbar denn die Menge? ? Ganz Rom will im Theater sein! ?

Und drin im riesenhaften Raume welch Schimmern, Funkeln, Flimmern, Glänzen
Von weißen Kleidern, Purpurtogen, von gold'nen Reifen, Lorbeerkränzen!
Von Indiens strahlenden Juwelen und Pfauenschmuck vom Phasistrand!
Von Siegstrophä'n aus allen Zonen ? und Statuen aus Griechenland!
Wie schmiegen schwellend an den Marmor, gebrochen im Pentelikon,
Sich Mediens golddurchwirkte Stoffe, die Teppiche aus Babylon!

Springbrunnen sprühen Silberstrahlen und senden durch die schwülen Lüfte
Auf Schwingen wohliglauer Kühle berauschend süße Ambradüfte.
Hoch oben spannt sich das Velarium und wehrt der Sonne grellem Schein;
Doch quillt durch's farbigbunte Zeltdach ein magischgluthvoll Licht herein.
Ja alles athmet Pracht und Wonne und Alles fesselt und entzückt,
Und Alles reizt, entflammt und schmeichelt, daß es den trunk'nen Sinn berückt.

Nein, nimmer sieht sich satt das Auge an all der Lust und dem Gepränge! ?
Senat, vornehmste Frau'n und Ritter erfüllen dicht die untern Ränge:
Umragt von lichten Marmorbildern thront Weisheit, Anmuth, Heldenkraft.
Dann, wo die gold'nen Adler blitzen, sitzt Roma's stolze Bürgerschaft.
Dort droben in den höchsten Reihen, welch Gestenspiel und welch Geschwirr:
Colonen, Sklaven, Proletarier ? ein lärmenbuntes Volksgewirr!

Und all die Tausende von Menschen durchdringt ein einziges Empfinden!
Ob Sklav', ob Prätor, ob Plebejer ? die Unterschiede alle schwinden;
Die stolze Frau, der Lastenträger, sie schwelgen heut in einer Lust:
In der Erwartung Wonneschauer hebt ungestüm sich jede Brust.
Da tritt der Kaiser in die Loge! ? Nun ist's so weit, das Spiel beginnt!
?Dank dir, Honorius, Freudenspender! Wie ist dein Volk dir hold gesinnt!"

Trompetenstöße flammen jauchzend ? ein Aufschrei geht durch alle Ränge:
Im festlich feierlichen Zuge naht jetzt der Gladiatoren Menge.
Und immer prächt'ger, immer stolzer ein Trupp sich an den andern schließt:
Ein endlos Meer von Fechterschaaren in die Arena sich ergießt.
Halbnackt, mit Netz und Dolch und Dreizack voran der Retiarier Schwarm;
Die Thracier dann mit krummem Säbel, die Sica blitzt im Eisenarm!

Die Myrmillonen mit dem Fischhelm! ha, wie sie stolzen Anblick bieten!
Die dort mit männerhohem Schilde und, weh'ndem Helmbusch sind Samniten!
Jetzt tönt der Schritt der Hoplomachen ? das kühnste Herz fühlt sich erschreckt ?
Herkulischmächtige Gestalten, von ehrner Rüstung ganz bedeckt.
Das sind Britanniens Essedarier, die streitend hoch im Wagen steh'n;
Im Helm ? visirlos ? Andabaten, die kämpfen, ohne daß sie seh'n.

Und zu der kaiserlichen Loge bewegen sich die langen Reihen!
?Heil, Imperator, Heil Honorius! Dich grüßen, die dem Tod sich weihen!"
So rufen Alle, die sich nahen: zu Fuß, zu Wagen, hoch zu Roß ?.
Nur düster zieht einher und schweigend gefang'ner Gothen finst'rer Troß. ?
Welch Tosen, Klirren, Stampfen, Wiehern! welch funkelndkriegerische Pracht! ?
Und jetzt beginnt, noch rythmischtändelnd, nach der Musik, die Lanzenschlacht ...

?Genug! der Scheinkampf sei zu Ende! Blut! Blut! es röthe sich die Erde!"
So fordert stürmisch laut die Menge mit ungeduldiger Geberde.
?Jetzt wird es Ernst! Seht den Gewalt'gen, den Helm geschmückt mit dem Delphin! ...
Ha, will der Feigling vor dem Gegner, der leicht gewappnet nur, entflieh'n?
Er wendet sich .... er kauert nieder .... und hält dem Dreizack muthig Stand ....
Er springt empor! ? ? Da saust und schwirrt es: jach reißt das Netz ihn in den Sand!

Der Dolch blitzt über ihm! Vergebens hebt Gnade heischend er den Finger!
?Willst Du nicht sterben! Schmach Dir Feigling! ? Heil Dir, dem Sieger, dem Bezwinger!"
??Nein, kein Erbarmen! ? tödt' ihn, Glaukos!"" ?Doch nicht zu schnell! ? Nein, laß Dir Zeit!" ?
??Wie er sich krümmt, wie er sich windet ? wie er um Gnade heult und schreit! ?
Bist du ein Römer! ... Roma's Liebling! ? Was soll dies Winseln und Gestöhn?
Du warst so schön und stolz im Siege ? nun, feige Memme, stirb auch schön!""

Wie sinken lässig in die Kissen die schönen Frau'n mit süßem Lächeln,
Wie neigen huld'gend sich die Männer: das ist ein Grüßen, Flüstern, Fächeln! ?
Jetzt stürzen Thrazier und Samniten, von heißer Mordlust ganz verzehrt,
In wildem Anprall auf einander. Wie Blitz auf Blitz herniederfährt,
So fallen ihrer Waffen Schläge: aus Helm und Schilden Feuer springt!
Hei, wie das kracht und klirrt und donnert, wie schauerlich die Tuba klingt!

Wie rieselt Blut von ihren Leibern: im weißen Sand steh'n rothe Teiche.
Nun wilder Fluch ? nun schriller Angstschrei! hie streckt und dort sich eine Leiche. ?
Stets schrecklicher wird das Getümmel, stets rasender des Kampfes Wuth,
Stets höher schichten sich die Todten ? und Beifall tobt wie Meeresfluth! ...
Nun eine Pause ? Larven schleifen mit Eisenhaken ungesäumt
Hinweg die Sterbenden und Todten: gesäubert wird und aufgeräumt!

Der schlammigblutgetränkte Boden wird umgeschaufelt, Mohren streuen
Turbangeschmückt rings frische Erde ? und nun kann sich der Kampf erneuen.
Zwei Riesen nah'n mit wucht'gen Speeren, von Kopf zu Fuß mit Erz bedeckt;
Der Helm mit dem Visir läßt einzig die Augen frei und unversteckt.
?Halt wacker Dich, mein Fortunatus, du junger Held aus Capua!" ?
??Mein Sieg dem Ares von Präneste, der jeden Feind noch fallen sah!""

Wie blitzschnell schwirren ihre Stöße, wie trefflich wissen sie zu zielen.
Und trefflicher noch zu pariren ? fürwahr das ist ein lustig Spielen! ...
Da gellt ein Schrei ? so markerschütternd, daß Grausen jeden Hörer zwingt ?
Fest im Visirloch steckt die Lanze, aus dem hervor ein Blutquell springt.
?Mein Auge, weh mein Auge!" heulend vor Schmerz rast Fortunat umher ?
Dann taumelnd, eine Rieseneiche, zur Erde stürzt er hart und schwer.

Es fragt, ob er ihn tödten solle, die Menge rings des Siegers Geste.
?Wohlan laß ihm sein elend Leben! ? Ruhm Dir, dem Sieger von Präneste!"
Er neigt sich, einen Palmzweig schwenkend, und setzt den Fuß auf's Haupt dem Feind ?
Und donnernder Applaus belohnt ihn, der nimmermehr zu enden scheint.
Man schafft hinweg den Capuaner ? ein neues Spiel! eh noch verklang
Die mächtigfreudige Erregung, die jenem letzten Act entsprang.

Es nah'n, stets zwei an sich gekettet, die Andabaten sich in Paaren;
Im leichten Kleid, geschloss'nen Helmes, daß sie einander nicht gewahren.
Meist Sklaven sind es, die hier dienen zu köstlichheiterm Zeitvertreib:
Die kurzen, stumpfen Schwerter treffen auf's Gradewohl des Gegners Leib.
Stets hitziger und derber schlagen voll Muth sie auf einander los;
Jemehr sie Stoß und Hieb empfangen, je grimmiger folgt Hieb und Stoß.

Wie sie mit rasendem Gebaren sich blind zerfetzen und zerfleischen!
Die Menge schreit vor Lust und Lachen, die Pfeife schrillt, die Flöten kreischen.
?Ha, was ist das! Dort jene Beiden sind lässig schon des Kampfes müd'?
Lanista, streiche sie mit Ruthen, daß neu erlosch'ner Muth erglüht!
Heran das Eisen! ? Brenne! ? Peitsche! ? Du selber bist ein träger Schuft!" ?
Und grimmer noch tobt das Gemetzel ? und Blutgeruch erfüllt die Luft.

Zehn Parther nah'n im Schuppenpanzer, zehn Gothen, trotzige Gesellen,
Goldhaarig, nach Germanenweise mit Mänteln nur bedeckt und Fellen.
So blitzend wie der Streitaxt Schneide ist auch ihr Auge ? leuchtend Stahl!
Und wie ihr Wurfgeschoß so dräuend der blauen Augen Wetterstrahl.
Nur zwei sind's, so sich unterscheiden von ihrer Stammgenossen Schaar,
Die schützend sie umdrängt: ein Knabe, ein hoher Greis im Silberhaar. ?

Der Greis umschlingt den theuren Knaben ... und weint ... und hebt empor die Hände:
?Weh uns ? ist denn kein Gott im Himmel, daß er so Fürchterliches wende!
Ach, hättest Du den Tod gefunden in heißer, ehrenvoller Schlacht,
Ich priese Dein Geschick und meines! ? Doch hier, damit der Pöbel lacht,
Grausamer Wollust zum Ergötzen, von roher Neugier frech begafft,
Zu Tod Dich schlachten seh'n und martern ? das ist zu viel! das bricht die Kraft!"

Schon zischt der Mord vom Partherbogen, gewaltig saust die Axt der Gothen,
Schon klaffen fürchterliche Wunden, und Todte sinken zu den Todten:
Da ? Unerhörtes! ? nie Gescheh'nes! ? ?Wer bricht in der Arena Rund? ?
Ein Unberuf'ner! ? Ein Besess'ner!" ? Wie Donner grollt's aus seinem Mund,
Wie außer sich hebt er die Arme, wild fliegt sein schleppendes Gewand ?
Im schwarzen Bart ein Todtenantlitz ? im Auge Gluth wie Lavabrand.

Die Menge stiert ? die Waffen sinken. ? ?Was solch unerhört Beginnen?
Was ist gescheh'n? ? Wozu die Störung? ? Was will der Mönch? ? Ist er von Sinnen?" ?
?Was denn gescheh'n? ? ob ich von Sinnen? ? und was ich, Römer, von Euch will? ?
O hört mich, hört mich, daß ich's künde! ? Still sag' ich Euch, Euch Allen, still! ?
Ich will zum Ersten von Euch wissen, ihr Römer, ob ihr Christen seid!
Ihr Alle hier, sagt: seid ihr Christen? herrscht noch der Gräu'l der Heidenzeit? ?

?Dann frag' ich Euch ? ihr sollt mir's sagen ? wenn ihr denn Christen Euch wollt nennen:
In Blut und Martern trunken schwelgen ? heißt das den Christengott bekennen?
Voll Wollust sich an Qualen weiden, ist das der Christen Seligkeit!
Ist das die Stimme der Erbarmung, die ?peitsche! brenne! tödte!" schreit?
Sind das des Evangeliums Lehren, die ihr beherzigt hier und übt?
Ist's Gott, der sich in Euch verkündigt? Ist's Satan, der den Sinn Euch trübt?

?O Gott, mein Gott, sind das die Deinen? die Kinder, die Dich Vater heißen!
Anbetend knieen vor dem Lamme ? und wie die Tiger sich zerreißen!
Das die Gerechten, die Erlösten? die Du mit weißem Kleid geschmückt ?
Die selig Liebesmahle feiern ? und deren Herzen Mord entzückt!
Das die Gefäße Deiner Gnade, darin der Geist sich niederließ!
Das die Barmherzigen, die Sanften, die der Geliebte selig pries!

?Gieb Worte, Gott, wie Engelsathem! der harten Herzen Eis zu brechen ?
Du weißt, was sie vermag zu rühren, lenkst ihren Sinn gleich Wasserbächen ...
Ihr selber lebt nur vom Erbarmen, das aus den Wunden Christi rinnt ?
So übt auch Mitleid an den Brüdern, seid wie die Gottheit mild gesinnt!
Ihr habt die Wahl: wollt Gott ihr gleichen, und Menschen sein nach seinem Bild?
Wollt ihr Gesellen sein des Teufels, deß Busen scheußlich Mordlust schwillt?

?O wendet Euch zu Gott, dem Guten ? das Böse in Euch unterliege!
Erbarmt Euch, daß sich Gott erbarme! Die Gnade und die Liebe siege!
Schon kommt Vergebung Euch entgegen ? o nehmt sie an ? laßt Christum ein!
Laßt diese gottverfluchten Spiele auf immerdar zu Ende sein!?
?Genug, genug, Du Lästerzunge! ? Hat uns ein Zauber denn bethört,
Daß wir so unbegreiflich lange Dich frechen Schwätzer angehört?

?Verückter Mönch, laß Deine Predigt! ? Kann denn Dein Geist allein erfassen,
Was Römern taugt und manneswürdig, was bös und schimpflich und zu lassen? ?
Bist Du denn besser als wir Alle, daß Du Dich solchen Thuns vermißt?
Wir Alle eingefleischte Teufel, und Du allein ein Mensch und Christ!
Wie wagst Du ruhmvolltapf're Sitte ? was immer doch mit Fug gescheh'n ?
All' die Erlauchten hier versammelt ? ganz Rom ? den Kaiser selbst zu schmäh'n.

?Willst Du die Todgeweihten retten, uns schnöde Lust und Spiel verderben,
Weichherz'ger Narr ? hochmüth'ger Heuchler ? wohlan so magst Du selber sterben!"
??Ja, sterben soll er! ? Sterben! ? Sterben!"" ? ?Das sei sein wohlverdienter Lohn!
Der uns so unerhört beleidigt! ? uns überhäuft mit Schimpf und Hohn!
Was mischt er vorlaut sich in Dinge, die ihn nichts angeh'n! ? ohne Noth ?
Was weiß ein Mönch von Männerbräuchen! ? Her Waffen! Steine!" ? ??Werft ihn todt!""

?O weine, Roma, die Du steinigst die Gottgesandten und Propheten.
Schon tönt der Schritt der Rächerschaaren, die dich in Schutt und Trümmer treten!? ...
?Was droht der Wicht!" ? ??Reißt ihn in Stücke!"" ? ?Kann er noch immer schmäh'n und schrei'n!"
?Dank Dir, o Gott, daß Du mich würdigst, der Liebe Märtyrer zu sein!
Ich hebe blutend meine Hände: erbarme dieser Blinden Dich,
Daß gut und menschlich sein sie lernen! Dein Reich des Friedens nahe sich!? ...

?Hinweg, ihr Mörder! ? wehe, wehe, daß einen Heil'gen ihr getödtet!"
??Was that er uns?"" ? ?Taucht eure Tücher in's Blut, das seine Wunden röthet!" ...
??Noch lebt er!"" ? ?Still! ? er rührt die Lippen!" ... ?Nun weiß ich, daß mein Werk gelingt,
Da ich den Liebestod darf sterben, der wunderstark die Welt bezwingt! ...
O selig Sterben! ... Ave, Christe! ... Der Himmel winkt ... ich bin am Ziel ...
Auf Erden dieser Gräuel Ende ... das letzte Gladiatorenspiel!?