Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Jacobus von

Jacobus

Eine Legende

Armeniens steiler, hoher Felsrücken,
Er trägt die Arche, die, geweiht dem Bunde,
Der Herr der Menschen Blicken wollt' entrücken.
Am Fuße dieser Berg', im Thalesgrunde,
Wohl standen Tausende, das Aug' erhoben:
Des Herrn Gebot ging dort von Mund zu Munde.
Versagt war allen zwar der Weg nach Oben;
In einem Mönch, Jacobus, doch erglühte
Der Wunsch, den Herrn dort in der Arch' zu loben.
Und zweifel regten ihm sich im Gemüthe
Ob des Verbots; ihm Ruh' und Glaube schieden,
Nach Mönchespflicht zu schweigen er sich mühte.
Zum Bischof drauf erhoben, kannt' den Frieden
Der Seel' er nicht mehr, so schwoll an sein Sehnen,
Zu schau'n was Menschen schien versagt hienieden.
Ist's Wahrheit? ist die Sage nur ein Wähnen
Des Aberglaubens? – Nichts soll mehr mich binden!
Was trägt der Berge Gipfel will ich kennen.
So spricht er, fleht Vergebung seiner Sünden,
Und eilet schnell, das heimlich zu beginnen,
Was er vollbracht erst will den Frommen künden.
Spricht: mögen Jahre mir in Pein verrinnen,
Und mag im Sterben sterbend ich erbleichen,
Besteigen will ich dieser Berge Zinnen.
In Pilgerkleidung hat er, zu entweichen
Der Neugier Späherblicken, Nachts begonnen
Die Reise, auf der Brust des Kreuzes Zeichen.
Angst, Zweifel, Ungewißheit sind zerronnen,
Und wie das Morgenroth nun sanft sich hebet,
Erhebt sein hoffend Herz in süßen Wonnen.
Ihr heil'gen Märtyrer, o gebet, gebet
Mir hohe Kraft! so ruft er durch die Lüfte,
Daß mir beim Todesdroh'n der Muth noch lebet.
Hier laben nicht der Blumen süße Düfte;
Geheul der Raubthier' weckt geheimes Bangen,
Sie dräu'n rund her ihm aus der Nacht der Klüfte.
Die Hymnen schweigen, die so freundlich klangen
Im Kloster erst, und dort zum Lob des Herren
Ihm hoch die Weihe heil'ger Liebe sangen.
Doch unerschüttert flammet sein Begehren,
Und muthig er, still hoffend, aufwärts steiget,
Wie auch Gefahren ihm den Weg erschweren.
Und als die Sonn' sich scheidend abwärts neiget,
Sieht sie auf seinen Knien den Frommen liegen,
In einer Grott', wo er dem Herrn sich beuget.
Dort schließt der Schlaf die Augen ihm – erstiegen
Hat er im Traume schon des Berges Höhen,
Schreit laut: der Wille muß im Leben siegen!
Und bei der Morgenlüfte kühlem Wehen
Erwacht er nun, und sieht an einem Baume
Erstaunet sich – am Fuß des Berges stehen.
Weh, ruft er, meinem allzuheft'gen Traume!
Zurückgewandert bin ich wohl im Schlafe,
Und seufz' erbebend tief im Thalesraume.
Sei's Zufall doch! und nicht des Höchsten Strafe.


II.

Wem Muth und Wille stark im Busen blühen,
Wird rüstig kämpfend mit Gefahren ringen,
Und mächt'ger nur wird ihm die Kraft erglühen.
So auch Jacobus. Auf des Muthes Schwingen
Von neuem aufwärts strebet er, und fühlet,
Er werde heut' noch größern Weg vollbringen.
Und als der Tag in's matte Grau sich hüllet,
Hoch stand er da ob all des Thales Auen,
Beglückt fürwahr! Gebet der Seel' entquillet.
Furcht, wieder sich am Fuß des Berg's zu schauen,
Macht, daß die Füß' er mit dem Gürtel bindet.
So ruhig nun, entschläft er im Vertrauen.
Erwacht, der Gürtel noch die Füß' umwindet,
Doch stilles Weh bewegt die bange Seele:
Am Fuß des Berg's er wieder sich befindet.
Doch schnell zertheilt der Hoffnung Silberhelle
Des Grames Wolken, und im Innern tönen
Die Wort' ihm leis': zur Prüfung ich Dich wähle.
Er wähnt die Stimme Gottes zu erkennen,
Und in der Andacht zarten Liebesstrahlen,
Entbrennt zu neuem Kampfe feurig Sehnen.
Zu Höhe ringt er, Lobgesänge schallen
Dem Herrn, der neu in ihm den Muth erwecket,
Und leicht vollbracht ist dieses Tages Wallen.
Doch Donner wecken ihn, den Nacht bedecket
Des Blitzes Leuchten ihm sein Loos enthüllet:
Er liegt am Fuß des Berges hingestrecket.
Und Todesgrauen nun sein Herz erfüllet;
Vorüber ihm in langen Schaaren gehen
Gestalten hin, von Feuerglanz umhüllet;
Aus ihnen leis' im Sturm die Worte wehen:
Wir auch, wir kämpften, jetzo straft uns Beben!
Flieh! flieh des Hochmuths sündiges Vergehen!
Als drauf dieß Schauspiel endet, neues Leben
Der junge Tag ihm gießet in die Glieder,
Wähnt er es Traum, und eilt sich zu erheben.
Noch hofft er, schreitet, aufwärts strebend wieder,
Spricht: Herr! gib Kraft mir in der Prüfung Proben,
Auf daß ich Schwacher sinke nicht darnieder.
So ringt vergeblich mühend er nach Oben,
Still, mit Ergebung, vierzehn Qualentage.
Gehalten von des hohen Schwurs Geloben.
Wie schwer Jacobus Weh im Busen trage,
Zeigt seine Leichgestalt, der Schritte Wanken,
Das tief gesenkte Haupt, der Seufzer Klage.
So in des Zeifels und der Hoffnung Schwanken
Keimt jeden Tag am Fuß des Bergs ihm Leiden,
Bis eines Morgens ganz die Kräfte sanken.
Er schaut verwelkt der Hoffnung Blumenweiden,
Dem trüben Aug' entquillen Thränen viele,
Er fühlt den Schwur gelöst – das Leben scheiden.
Noch hebt der Blick sich nach dem hohen Ziele,
Das lockend ihn in süßen Wahn gewieget:
Doch mehr als Menschenkraft ist Gottes Wille.
Der Reue Qual nun tiefer Schlaf besieget,
Wo Träume freundlich ihn zur Arche bringen,
Und er beglückt dort im Gebete lieget.
O, ruft er aus: gab Gott doch das Gelingen!
Und er erwacht; vor ihm, er sieht's mit Grauen,
Steht Gottes Bote, hehr mit lichten Schwingen.
Der ruft: steh' auf! steh auf! des Todes Klauen
Entreißt der Herr Dich, gibt Dir Kraft zur Reise,
Daß Du die Heimat wieder magst erschauen.
Nur wer im Glauben wandelt, rühm' sich weise;
Du hast Dir selbst mehr als dem Herrn vertrauet:
Ihn, der der Reue Zeit Dir gönnet, preise.
Was er verbirgt, kein Blick hat's noch erschauet.