Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Sanct Bernhard von

Sanct Bernhard

Es zieh'n Sanct Bernhard's wild Gebirg hinan
Im Dienerkreis zwei Reisende mit Grauen.
Bescheiden naht ein junger Ordensmann,
So bleich und mild und engelhaft zu schauen.
Und freundlich spricht er: ?Grüß euch Gott! o zieht
Geraden Weg's zum Kloster auf den Höhen,
Damit ihr Schneesturz und Orkan entflieht;
Will auf verwehtem Pfad voran euch gehen".

Er schwebt voran, ein still hinsterbend Licht,
Erlöschend bald in diesen Winterstürmen,
Durch welche nie ein lauer Frühling bricht;
Er athmet bang und schwer, doch will er schirmen
Die ihm Vertrauten: ?Folgt mir nur in Ruh'!
Wohl bin ich schwach, doch heut' noch hält mein Leben;
Die rauche Luft führt mich dem Grabe zu ?
Gott gab mir kurzes, aber schönes Streben".

??So sei uns denn gesegnet, junger Held,
Der nahem Tod mit so gelass'nem Muthe
Entgegenschaut; glorreicher Ehrenfeld
Erkorst Du Dir, als der Soldat, vom Blute
Der Feinde roth. Ob man auch Tapf're ehrt,
Erregt ihr Anblick doch ein leises Schauern;
Allein Dein Kampf ist ew'gen Ruhmes werth,
Ob Deinem Siege keine Waisen trauern.

??Und stehst Du bald vor Gott, so sei uns dort
Ein Engel; hilf uns unsern Kummer tragen!
Zum Weltenrichter ein fürbittend Wort
Sprich Du für uns! Dir kann er's nicht versagen.
Wir kommen aus Savoyen, suchen Ruh' ?
Ach, stets umsonst; von Deines Abtes Leben
Trug das Gerücht uns Wunderdinge zu:
Der Heil'ge kann vielleicht noch Trost uns geben.

??Denn wir beweinen einen guten Sohn
Der nicht gestorben, doch für uns verloren;
Er hat in seiner frühen Jugend schon
Sich edlere Beschäftigung erkoren
Als Jagd und Spiel und vornehm nichtig Thun;
Der Frömmigkeit und Wissenschaft ergeben
Mit reichem, reinem Geist, konnt' er nicht ruh'n,
Bis gänzlich diesen er geweiht sein Leben.

??Ich aber war ein stolzer Edelmann,
Der Glanz am Vielbegabten schauen wollte;
Doch er ging sanft und ruhig seine Bahn,
Weßwegen ich dem Reinen bitter grollte.
Ihn zu zerstreu'n, sucht' ich ihm eine Braut
Von hohem Stand und reizend feinem Wesen;
Da ward er Mönch, erklärte frei und laut,
Daß er für sich ein besser Theil erlesen.

??Mein wilder Zorn trieb ihn vom Vaterhaus,
Von Mutter und Geschwistern, die ihm fluchten:
Drum ging er in die weite Welt hinaus,
Und ob wir später ihn bereuend suchten,
Bereuend jetzt durch alle Lande zieh'n,
Der Spur des Theuern nach, es ist vergebens.
Durch uns're Schuld ist er für uns dahin,
Und Reue trübt den Abend uns'res Lebens"".

?Gott tröste euch, Betrübte! aber laßt
Uns schneller eilen; weiße Wolken fliegen
Am Südenhimmel auf. Ein Sturm erfaßt
Uns sonst noch hier, dem müßten wir erliegen.
Gleich sendet eurer flinksten Diener zwei
Zum Kloster hin, damit die Brüder wissen,
Daß Jemand naht, und kommt Gefahr herbei,
Sie uns zu finden, uns zu retten wissen.

?Seid nicht so bange, edle Frau! o glaubt,
Daß Gott auch durch das Grau'n uns Wege bahne.
Ob auch der Todtenberg sein düster Haupt
Verhülle, ob vom donnernden Orkane
Herabgepeitscht des Schnees Wolke fliegt,
Das Berghuhn ächzend flattert ? laßt die Sorgen:
Hier haben Gottes Diener oft gesiegt,
Bald sind im sichern Kloster wir geborgen".

??Mein guter Jüngling, Schlag auf Schlag erdröhnt,
Und die Lawine rollt in dunkle Tiefen;
Es bebt der Eiskoloß, die Erde stöhnt,
Das sind des Abgrunds Stimmen, die uns riefen:
Weh euch, Elende, Euer Sohn ist todt,
Herab zu uns, ihr schuldet sein Verderben!
Doch diesen Jüngling, du gerechter Gott,
Und uns're Diener laß nicht mit uns sterben!""

Und näher rückt's und Schlag auf Schlag erdröhnt,
Und die Lawine rollt in dunkle Tiefen;
Es bebt der Eiskoloß, die Erde stöhnt,
Und unter weißer Grabesdecke schliefen
Die Reisenden; ? und stiller wird die Luft. ?
Du hast nun deine Opfer, Sturm, verhalle!
Die Sonne lächelt über ihrer Gruft,
Und weiter oben wacht ein Aug' für Alle.

Das lenkt Abt Bernhard's Tritte her zu euch,
Im Schnee Verscharrte. Hört ihr sie nicht graben,
Die wackern Mönche? Abt, Du wirst so bleich,
Sprich! kennst Du die, so wir gefunden haben?
Das greise Paar im stattlichen Gewand
Erschaut Dein Aug' mit Schmerz mit Entzücken.
?O, Züge, mir so wundersam bekannt,
Seid ihr die ihren, trau' ich meinen Blicken?

?Jetzt seid ihr sanft und still, und zürnt nicht mehr
Dem Sohn, der eine and're Bahn sich wählte.
O, nehmt den Fluch zurück, der ihn so schwer
Auf seinem frommen, graden Wege quälte.
O, öffnet wieder lieb- und lebenvoll
Die Augen, die so finster sah'n beim Scheiden!
Blickt mich noch einmal an, doch ohne Groll,
Und endet so mein einzig irdisch Leiden!

?Kommt, Brüder, laßt uns die Verschütteten
So schnell wie möglich in das Kloster bringen!
Gebt Acht, daß uns're Thiere sicher geh'n!
Mit Gottes Hülfe soll es uns gelingen,
In's warme Leben wieder sie zurück
Zu rufen: zwei von ihnen sind die Meinen.
Gott giebt mir heut ein langerflehtes Glück,
Will mich in Liebe mit den Aeltern einen".

Und rüstig zieht die kleine Karavan'
Mit ihren Todentrissenen von dannen,
Durch die beschneite Wüste berghinan,
Bis sie des Klosters gastlich Dach gewannen.
Dort fiel dann, unter treuer Pflege bald
Der erste Blick der greisen Edelleute
Auf die erhab'ne männliche Gestalt
Abt Bernhard's, der sich sorglich ihnen weihte.

Erstaunt und fragend schauen sie empor
In's klare Aug', wo eine Thräne schimmert.
Wie kommt das ihnen lieb und edel vor!
?O, welch' ein dunkel traut Erinnern flimmert
Um mich ? begann die todesmatte Frau ?:
Mann Gottes, der uns pflegt, der uns gerettet,
Wie wird, je mehr ich Dir in's Antlitz schau',
Mein Herz so fest an Deinen Blick gekettet!"

?Hochwürdiger, wie nennt Ihr Euch? ? begann
Der Greis ? ja wollt es uns nicht übel deuten,
Daß wir so fragen; nied're Neugier kann,
Versich'r' ich euch, uns nicht dazu verleiten?.
?Bernhard von Menthon(1) nennt man mich ? so spricht
Der Abt in festem, feierlichem Tone ?;
Die Lieb' ist milde, ewig zürnt sie nicht,
Sie leitet euch, ja, sie vergiebt dem Sohne".

Abt Bernhard stütz' der Aeltern greises Herz
An Deiner starken Brust, daß es die Wonne
Nicht breche, wenn der langverjährte Schmerz
Nun weichen muß der neuen Lebenssonne!
Und als sich dann der erste Freudenrausch
Allmählig legt, da geht es an ein Fragen:
Die Aeltern und der Sohn, in süßem Tausch,
Wie haben sie so vieles sich zu sagen!

?Ihr wißt, Geliebteste, mich hat schon früh
Das kriegrisch wilde Leben abgestoßen,
Das in der Welt jetzt herrscht; es konnte nie
In dem Getümmel sich der Geist zu großen
Und würdigen Gedanken frei und klar
Erheben; drum zog's mich in Klosters Frieden:
Doch, wo die schlaffe Ruh' zu Hause war,
Dünkt' mir für meine Kraft kein Platz beschieden.

?Drum hab' ich selber einen mir erwählt,
Der das von Dir, o Vater, angestammte,
Kühnkriegerische Feuer wach erhält,
Das mächtig stets in meinem Busen flammte.
Nich an den Menschen, des Allvaters Bild,
Wollt' ich die kampfbereiten Hände legen,
Die Elemente, fessellos und wild,
Bekrieg' ich hier, und thue es mit Segen.

?In rauhem Hochgebirges Sturmgebraus,
Im Leichenfeld, das Frühling nie gesehen,
Steht schirmend hier mein gottgeweihtes Haus,
Deß Pforten jedem Wand'rer offen stehen.
Und Männer, die mit mir von gleichem Sinn,
Sie gehen mit dem treuen, klugen Hunde,
Dem Tode trotzend, durch die Oede hin,
Verlängern so manch' Menschenlebens Stunde.

?Zwar mühevolles Wirken haben wir:
Oft starrt das Blut in schaurig kalter Höhe;
Doch irdisch kleinlich Treiben bleibt uns hier
Stets fern; wir athmen frei in Himmels Nähe.
Und lächelt uns kein Frühling, lächelt doch
Das Auge der Geretteten belebend.
Ja, euer Aelternauge lächelt noch ?
Ist nicht mein Loos beglückend und erhebend?"


(1) Die Gründung des berühmten St. Bernhardsklosters wird in's Jahr 962 gesetzt und dem Bernhard von Menthon zugeschrieben.