Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Wladimir der Große von

Wladimir der Große(1)

I.
Auf dem Dnjepr hundert Nachen
Sind gesunken in Gewittern,
Wilde Elemente machen
Täglich neu das Volk erzittern.

Um die Götter zu versöhnen,
Die da ewig Blut verlangen,
Ewig Menschenwerk verhöhnen,
Ist der Priester Ruf ergangen.

Fern von allen Himmelsenden
? Wie sich auch die Stämme spalten ?
Kommen sie, die schlau behenden,
Dunkeln slavischen Gestalten.

Aus dem Gelben Antlitz drängen
Sich die Knochen breit und derbe,
Schwarze glatte Strähnen hängen
In die Stirn als Stammeserbe.

Von den Flüssen, von den Steppen
Kommen sie zum Opferfeste;
Kriegsgefangen mit sich schleppen
Selbst das Opfer schon die Gäste.

Um die Götter zu versöhnen,
Muß ein Mensch sein Blut verspritzen,
Dumpf der Priester Lieder tönen,
Volk und Fürst im Kreise sitzen.

Sinnend in die Opferflamme
Starrt der junge Kronenträger:
Wladimir aus Rurik's Stamme,
Aus dem Stamme der Waräger.

?Opfer ? Opfer immer wieder!
Ströme Bluts hat aufgesogen
Diese Flamm' und nicht hernieder
Uns der Götter Gunst gezogen.

?Lebt ihr, Götter? Seid ihr Leiter
Der Gewalten eures Himmels?!
Seht die Funken, seht die Scheiter!
Lacht ihr nur des Zwerggewimmels?!

?Oder seid ihr nicht die rechten,
Uns doch niemals die Erretter?!
Dient ihr selber andern Mächten?
Redet, sind noch andre Götter?!

?Auch, auch meine Stammverwandten
Wechselten wie ihre Kleider
Ihre Götter, und sie nannten
Grausam sie und Glückesneider.

?Ja, ihr Götter, ihr seid Hasser,
Ist ein Gütiger am Leben,
Möge er im Dnjeprwasser
Mir den Lohn des Zweifels geben!"

Und herein den Unbewehrten
Führen Krieger zu den Scharen:
Einen von Cyrill's(2) Bekehrten,
Von den feindlichen Chazaren.

Knieend mit entblößter Kehle
Blickt er muthig auf das Ende:
?Meine Seele ich empfehle,
Herr, in Deine Gnadenhände!

?Wollst auch diese blinden Leute
Bald zu Deiner Wahrheit leiten:
Jesus Christus ? gestern, heute
Und in alle Ewigkeiten!?

Da ? durchzuckt von tiefem Schrecke
Hebt das Haupt, das blonde, gnädig
Jetzt der königliche Recke:
?Laßt ihn seiner Fesseln ledig!"


II.
Schon durch alles Land in wenig
Tagen ist die Mär gegangen:
Länger nicht will unser König
An den alten Göttern hangen!

Und drei würdig Gestalten
Nahen dem Normannensprossen,
Rollen Pergamentes halten
Sie mit Sorglichkeit umschlossen.

Spricht der Erste: ?Herr es logen
Deine Götter, der ich spotte;
Alles, drum sie Dich betrogen,
Findest Du bei meinem Gotte.

?Ew'ges Glück will Allah spenden
Den Getreuen des Propheten,
Die den Blick gen Mekka wenden,
Fünfmal täglich, wenn sie beten;

?Die einmal in ihrem Leben
Hin zu der Kaaba wallen;
Doppelt will er denen geben,
Die im heil'gen Kampfe fallen.

?Dunkeläug'ge Houris dienen
Dort den frommen Moslemiten,
Und die schönsten unter ihnen
Werden Dir den Willkomm bieten.

?Schwör' zu des Propheten Zeichen,
Auf des Korans ew'ge Suren!
Nahe, Herr, zu Deinen Reichen
Führen schon des Islams Spuren!" ?

Spricht der Zweite: Herr, es logen
Deine Götter, der ich spotte;
Alles, drum sie Dich betrogen,
Findest Du bei meinem Gotte.

?Reichen Lohn und sel'ges Leben
Will Jehova, wenn sie sterben,
Den Gerechten ewig geben,
So mit Fleiß sie darum werben,

?So sie halten am Gesetze,
Wie die Väter es gebieten,
Die den Zehnten ihrer Schätze
Willig gaben den Leviten,

?So sie fleißig beten, fasten,
Streng, was unrein ist, vermeiden,
Spenden in den Opferkasten
Und nicht essen mit den Heiden.

?Schwöre, Herr, zu diesen Rollen,
Wie vor Dir schon viele Große,
Die da Ruhe finden sollen
Einst mit Dir in Abram's Schoße!?

Milde spricht darauf der Dritte:
?Niemand ist, der ohne Fehle.
Hör' des Evangeliums Bitte:
Rette Deine arme Seele!

?Bist Du auch der Russen König ?
Vor dem Könige des Lichtes,
Nützt Dir Deine Krone wenig
An dem Tage des Gerichtes.

?Retten kann Dich nur der Glaube
An des Gottessohnes Sterben,
Der da blutete im Staube,
Uns den Himmel zu erwerben,

?Der nicht Schmach noch Schmerzen scheute,
Uns die Wege zu bereiten:
Jesus Christus ? gestern, heute
Und in alle Ewigkeiten!" ?

?Jesus Christus? Der die Männer
Fröhlich macht in Todesmitten,
Seine sterbenden Bekenner
Lehrt, für ihre Feinde bitten?!

?Laßt allein mich, euren Lehren
Nachzudenken in der Stille;
In drei Monden sollt ihr hören,
Was mein königlicher Wille.

?Und von eures Glaubens Früchten,
Fern in euren Heimatlanden,
Sollen Boten mir berichten ?
Jeder Trug wird so zu schanden?.


III.
Kaum drei Monde sind verflossen,
Und des Reiches Räthe kehren
Heim auf ihren müden Rossen,
Und zum König sie begehren.

?Ueber Land und Meer gezogen,
Herr sind suchend Deine Knechte;
Was erforscht sie und erwogen ?
Prüfe was da sei das Rechte.

?Alles Wissens Höh'n und Tiefen,
Aller Künste Blüthe fanden
Wir am Hofe des Kalifen,
In der Moslemiten Landen.

?Niebesiegte lehrt in Schlachten
Sie ihr Glaube überwinden,
Lehrt den Tod sie ? nicht verachten,
Nicht doch ? in mit Jauchzen finden.

?Vorwärts glänzend, unaufhaltsam
Trägt der Islam seine Fahnen. ?
Was am Wege, reißt gewaltsam
Er hinein in seine Bahnen!"

?Lehrt der Glaube des Propheten
? Fragt der König seine Räthe ?
Auch für seine Feinde beten??
?Nein, Herr! daß man sie zertrete".

?So ist's nicht der rechte! Weiter!
Von Jehova`s Volk berichtet!?
?Das ist nicht ein Volk der Streiter,
Nicht ein Volk, das sinnt und dichtet!

?Willig folgen dem Gesetze
Sie in Rechtlichkeit des Wandels,
Ueber's Weltmeer zieh'n die Netze
Sie schon ihres mächt'gen Handels.

?Heimatlos, und doch verbunden
Im Messias, des sie warten,
Waffenlos, und doch bekunden
Kühnheit ihre weiten Fahrten.

?Silber ihre Truhen halten,
Und wenn Schätze sie erwarben,
Dürfen nicht die Kranken, Alten
Unter ihren Brüdern darben!" ?

?Wahrlich, das sind edle Sitten!
Lernen im Gesetzesbuche
Sie auch für die Feinde bitten? ?
?Nein, Herr! daß man sie verfluche". ?

?So ist eitel auch ihr Streben!
Weiter! weiter! wo begegnet
Ihr der Milde, dem Vergeben,
Welches seine Feinde segnet?!? ?

?Liebe üben hier auf Erden,
Hoffnungsstark das Leben fristen
Und aus Gnade selig werden:
Das ist Kraft und Ziel der Christen.

?Ihren Mördern gern vergeben,
Die in Beten und Entsagen
Sehnsucht nach dem ew'gen Leben,
Nach der sel'gen Heimat tragen.

?Denn die Heimat hat erworben
Ihnen Gottes Sohn in Qualen,
Jesus Christus, der gestorben,
Seiner Feinde Schuld zu zahlen.

?Und durch gleiche Liebeswerke
Ihren Meister zu bekennen,
Giebt er denen selbst die Stärke,
Die nach ihm sich Christen nennen!" ?

? Wladimir, ? welch eine Regung?
Russenkönig! Mann von Eisen!
Welche seltene Bewegung!
Du, ein Weiser unter Weisen?!

Auf die harten Steine nieder
In das Knie wie ein Besiegter
Sinkt der König, durch die Lider
Schimmert's feucht, ? im Staube liegt er.

?Jesus Christus! Dich erwähle
Ich zum Herrn mir bis an's Ende;
Meine Seele ich empfehle
Jetzt in Deine starken Hände!

?Daß in allen meinen Reichen
Nimmermehr ein Opfer brenne,
Nimm es an als Reuezeichen,
Daß ich Dich so spät erkenne!

?Nimm mich hin als Siegesbeute,
Nimm mein Volk, es selbst zu leiten;
Jesus Christus ? gestern, heute
Und in alle Ewigkeiten!? ?

Die Gesandten stehen schweigend,
Fremde Scheu durchzittert alle;
Höfisch dreimal tief sich neigend,
Lassen leise sie die Halle.


IV.

Welch ein Wandern, welch ein Eilen!
Ist ganz Rußland auf der Reise?!
Endlos, rastlos, ohn' Verweilen,
Kinder, Männer, Frauen, Greise.

Stetig schwellend wälzen brausend
Menschenströme sich gen Süden,
Nächtlich unter Zelten hausend,
Tages vorwärts ohn' Ermüden.

Welch ein Trappen der Kamele!
Welch ein Gestampf von Rosseshufen!
?Hin nach Cherson! Keiner fehle,
Unser König hat gerufen!

?Hin nach Cherson! wie des guten
Königs boten uns verkünden,
In des Dnjepr's heil'gen Fluthen
Einen neuen Gott zu finden!" ? ?

Und der Strom aus allen Landen
Einigt sich vor Cherson's Thoren, ?
Wie ein Ocean in Banden ?
Stumme Lippen, off'ne Ohren!

Meeresähnlich, wenn die Brandung
Sich geglättet! ? Auf Emporen
Redende in Mönchsgewandung!
Und kein Wörtlein geht verloren!

Und vor allem sieht man ragen
Einen, dem sich alle neigen,
Sieht das blonde Haupt ihn tragen,
Wie es nur dem Kön'ge eigen.

?Meine Russen, eure Götter
Lassen stumm euch untergehen;
Einer nu ist der Erretter,
Hört der Menschen Wunsch und Flehen.

?Wer des Christengottes Gnade
Will für todte Götter kaufen,
Folg' hinab mir zum Gestade,
Daß uns Priesterhände taufen!?

Und ein Murmeln hebt sich brausend
? Wogenschwall, am Fels gebrochen ?
Und ein Ruf aus hunderttausend
Kehlen: ?Herr, wie Du gesprochen!"

? Völkerscharen sind die Zeugen;
Völker in dem Täuflingslinnen
Zu den Fluthen niedersteigen,
Ihren Gott sich zu gewinnen.

Plätschernd sich die Wasser regen
Bald wie ein Erlösungsahnen;
Mönche murmeln ihren Segen
Ueber Fürst und Unterthanen.

?Gnade euch der Tag bedeute,
Friede möge euch geleiten.
Jesus Christus ? gestern, heute
Und in alle Ewigkeiten
!" ?

  1. Wladimir der Große oder Apostelgleiche machte dem Heidenthum in Russland ein Ende. Es wird von ihm erzählt, daß er, an den heidnischen Göttern irre geworden, zehn Bojaren ausgesandt habe, um die verschiedenen Religionen prüfen zu lassen. Nach ihrer Rückkehr ließ er sich in der kurz vorher eroberten altchristlichen Handelsstadt Cherson taufen (988) und ihm nach empfingen seine Unterthanen die Taufe im Dnjepr.
  2. Cyrillus war der Apostel der Chazaren in der Krim. Diese hatten sich selbst um 850 von Konstantinopel christliche Missionare erbeten und bekehrten sich in wenigen Jahren zum Christenthum.