Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Manfred's Flucht von

Manfred's Flucht

Verrathen und bestohlen, verläumdet und bedroht,
Statt einer Staufenkrone vor Angesicht den Tod,
Zur Seite und im Rücken bezahlter Feinde Rotten
Und freche Pfaffenfürsten, die seiner Drangsal spotten,
Und stumpfen Blick's die Massen, die nach dem Adler schauen,
Nach dem die Geier lüsten mit blutgewohnten Klauen,
Und links und rechts von Freunden verlassen ohne Scheu,
Nun gilt es, Friedrichssprosse, nun sei dir selber treu!

Was hat die Königsseele beim Schachergeist gesucht?
Was hat des Herrn Vertreter dem Friedensmund geflucht?
Du willst den Krieg, nicht Manfred, du Petri Schlüsselhalter,
Du, dumpfen Sinnes Förd'rer, er, freien Geistes Walter.
Es kann der Schakal nimmer sich mit den Löwen messen,
Es läßt die Schwabenfaust nicht, was sie zu Recht besessen,
Und nicht Fiesko's Klaue, was sie der Ohnmacht kaum
Entrissen, schönste Perla an Priesterrockes Saum.

In Nacht und Nebelschauern gedeckt durch falsch Gerücht,
Enteilt der Königsjüngling dem römischen Gezücht.
An einem Haare hängt es, so nimmt man ihn gefangen ...
Auf jedes Dörflers Flüstern hört er mit leisem Bangen ?
Die Straße plötzlich sperrend ein Maulthier stürzt im Dunkeln,
Er hört's von Uebergabe an seine Ohren munkeln ...
Das freie Feld gewonnen hin braust's wie Wetterschein,
Und Atripalda's Feste nimmt bald die Gäste ein.

Nicht alle Freunde trügen und was die Not verscheucht,
Das ist nur das Gewürme, das stets am Boden kreucht,
Deß krummer Rücken nimmer den Drang zum Staube meidet,
Das, blind für Himmelssterne, nicht von der Tiefe scheidet.
Laß kriechen, die nicht laufen, viel minder fliegen dürfen,
Dieweil Capecens Becher Fürst und Begleiter schlürfen.
In Blut und Tod bewährt sich das edle Brüderpaar:
Fragt Benevent, Neapel und seine Sterbeschaar!

Dann fort und fort und Melphi verschließt dem Herrn sein Thor,
Aus Ascoli tönt schneidend des Mordes Kunde vor;
Venosa, treu geblieben, weist schüchtern seine Schwäche,
Und, daß sein eigen Unglück sich nicht an Fremden räche,
Entläßt der hehre Flüchtling Gefolge und Begleiter.
Mit seines Vaters Jäger und Zweien der Bereiter
Verläßt er in der Dämm'rung des Abends und Geschicks
Die letzte treuer Städte noch ungebroch'nen Blicks.

Der Regen fällt in Strömen, todt liegt die Wüstenei;
Wer weiß auf kahler Eb'ne wo Weg und Richtung sei?
Grasstoppeln, Stein und Ginster und kahlgebrannte Hecken,
An deren spröden Blättern die Tropfen gierig lecken,
Kein Licht aus armer Hütte, verhüllt die Tröstersterne ?
Es rückt des Zieles Hoffnung in ungemess'ne Ferne,
Bis hinter Stein und Dickicht, zerfallen halb und wüst,
Ein hochwillkomm'nes Obdach die Wegenmüden grüßt.

Schnell ist im Jägerhofe ein Feuer angefacht,
D'ran sie die Kleider trock'nen und ruhen über Nacht.
?Ein königliches Feuer" hat Manfred ausgerufen,
Da es zu lodern kommen. Als an des Thrones Stufen,
In seines Vaters Hallen, Palermo's Fürstensälen,
Er hohen Sinn's erwachsen, wer mocht ihm da erzählen,
Daß ihm ein Tag beschieden und eine Nacht verhängt,
D'rin alles ?Königliche" sich in sein Feuer drängt?

Doch einer Zukunft Glaube ist einer Zukunft werth:
Es leuchten dem die Augen, der sie zur Sonne kehrt,
Und Sonnenaugen wendet zurück zum Erdentande
Des Ideales Jünger und Fremdling seinem Lande,
Und Sonnenzauber spielen in seines Schicksals Schranken.
Seht Sarazenentugend den Staufenstamm umranken!
Wohl wußt', der seiner Zeiten und ihrer Geister Bann
Beherrscht' und überragt, warum er sie gewann.

Der Steppe wilden Reiter, des Halbmonds kecken Schwarm
Erreichen keine Pfeile von eines Priesters Arm.
Er lacht dem Höllenfeuer, das Heuchlermund verheißet,
Ihn bindet, was die andern von ihrer Liebe reißet,
Er hält sich fest am Einen, weil dieser Eine mächtig
Und groß genug allein ist, um nicht so niederträchtig,
Wie feiger Angst Bekenner, zur Stunde der Gefahr
Ihn seinem Feind zu opfern, Dank's und der Ehre bar.

Da liegt sie, Thor und Mauer bemannt und wohlverwahrt ?
Luceria ? Vermächtniß erlauchter Sinnesart.
?Sohn eures Königs bin ich und euer Fürst gekommen;
Wie wird von euch der Frühling, der Aechtling aufgenommen?"
So Manfred. ?Komm, o Herrscher", ruft's jubelnd von der Zinne
Und eines Heiden Finger weist ihn zur Wasserrinne.
?Herein in uns're Mitte! von uns'rem Arm bewehrt!
Geboren muß erst werden, der uns den Abfall lehrt".

Und rasch vom Pferd springt Manfred und nieder in die Knie' ?
?Nein schmählich und mit Listen sei unser Fürst nicht hie"
Schallt's nun von Mund zu Munde und gegen Thores Schranken
Anstürmt's mit Wucht und Ingrimm ? Holzwerk und Riegel schwanken
Und schüttend springt's. Auf Arme gehoben und getragen,
Darf wohl ein Königssprosse den Siegeseinzug wagen.
?Verräther in die Kniee!" und hin zum Staube sinkt
Der eben mit der Rechten zum Widerstand gewinkt.

Aus einer Gosse hebet zum Throne sich ein Held;
Es schlägt zu Fürstenwerth sich ein Mann im Thatenfeld.
Im Menschen liegt die Zukunft und tritt heraus in's Leben,
Wie immer das Verhängnis mit Schleiern sie umgeben.
Zum Thron geboren werden, ist Zufall, nicht Verstehen,
Doch aus des Elend's Abgrund hinauf zum Glanze gehen
Und aus der Nächte Dunkel in's helle Licht hinein
Zu treten ? wer's vollendet ist Held und Fürst allein.