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Der nächtliche Ritt von

Der nächtliche Ritt

Nach heißem Kampfe ruhen
Ermüdet Freund und Feind:
In Frieden hat die Todten
Der letzte Schlaf vereint.
Auf öder brauner Haide
Da tobte wild die Schlacht(1)
Die Freiheit Holsteins Söhnen
Vom Sklavenjoch gebracht.

O, Waldemar der Sieger,
Du stolzer Dänenheld,
Wie ist an deutschen Schwertern
Dein Waffenglück zerschellt!
Auf feuchtem Boden ruhet
Zum Tode wund dein Haupt,
Dem Lanzenstiche grausam
Der Augen eins geraubt

Wohin sind deine Mannen,
So tapfer sonst im Streit?
Besiegt sind sie, gefallen,
Der Sturm hat sie zerstreut,
Und keiner ist von allen
Den Treuen rettend nah',
Die oft beim Waffentanze
Dein Auge um Dich sah.

Des Himmels Mächte selber
Entschieden gegen Dich,
Denn mild verlieh den Holsten
Die Jungfrau Glück und Sieg.
Doch, König, warum bebet
Jetzt angstvoll Dein Gebein?
Hörst Du der Feinde Nahen,
Die suchen Dich allein?

Wann hast Du sonst gezittert,
Du, Held so kühn und groß,
Wenn hin zu Schlacht und Siegen
Dich trug Dein weißes Roß?
Jetzt neben Dir im Staube
Liegt todt das edle Thier
Und Schmach und Bande drohen,
Verfolgter König, Dir. ?

Da nahet leisen Schrittes
Ein dunkler Reitersmann;
Sein Roß führt er am Zügel,
Schaut rings die Todten an.
Nachtschwarz ist seine Rüstung,
Geschlossen sein Visir,
Doch an den Füßen glänzet
Der Ritter gold'ne Zier.

Da trifft sein Blick, der spähend
Das Schlachtfeld überfliegt,
Den Helden, der verwundet
Am Fuß der Buche liegt.
?Bei Gott, hier stirbt ein König!
? Ruft er ? Verräth es nicht
Der gold'ne Reif am Helme
Im hellen Mondenlicht?"

??Hinweg von diesem Orte,
Zurück, gönn' mir die Ruh'!""
So herrscht mit bleicher Lippe
Der Fürst dem Ritter zu.
Doch der beugt sich hernieder:
?O, König Waldemar,
Befrei dein Herz von Sorge,
Der Herr hilft wunderbar.

?Ich kam, um Dich zu retten,
Durch Haide und durch Moor,
Ich bring' dich zu den Deinen
Noch heut' an's Kieler Thor".
??Wie soll dem Wort ich glauben,
Wer bürgt mir vor Verrat?""
?Ich schwör' bei Christi Wunden,
Beweisen soll's die That".

Er schwingt sich in den Sattel,
Er hebt mit starkem Arm
Empor den kranken König,
Umfaßt ihn sanft und warm.
Es wiehert kühn der Renner.
?Greif' aus, mein gutes Roß,
Wir haben weit zu reiten,
Die Haid' ist öd' und groß".

Und unaufhaltsam jagen
Sie fort durch Feld und Moor,
Da schallet aus der Ferne
Ein feierlicher Chor.
??Was ist das? ? ruft der König ?
O, halte und gieb Acht,
Das tönt wie Geisterwehen
Her durch die stille Nacht!""

?Der Bischof ist's von Bremen,
Der zieht bei Fackelglanz
Auf's Schlachtfeld mit den Seinen,
Mit Sängern und Monstranz,
Um Sterbende zu trösten
In letzter Todesnot,
Verwundeten zu helfen
Noch vor dem Morgenroth".

Und sausend geht es weiter.
Um Haide, Feld und Bruch
Da weben feuchte Nebel
Ein weißes Leichentuch,
Und daraus schallt herüber
Ein rauher Schlachtgesang.
??Was ist das?"" ruft der König
Erbebend bei dem Klang.

?Das sind Ditmarscher Bauern,
Wohl manch ein wackrer Held!
Die zieh'n von Süd nach Norden
Und suchen Dich im Feld.
Sie wollen Dir verkünden,
Daß sie auf immerdar
Dein hartes Joch zerbrochen,
O König Waldemar.

?Doch ich führ Dich von dannen!
Greif' aus, mein gutes Roß,
Wir müssen schneller fliehen,
Hörst du der Feinde Troß?"
Und weiter saust der Renner;
Der Hufschlag hallet dumpf,
Es schreien Krauz und Rabe,
Das Irrlicht tanzt im Sumpf.

Da fernher schallen Hörner
Und Feuer glüh'n im Ost.
??Was ist das?"" ruft der König.
Ihn schüttelt Fieberfrost.
?Das sind die braven Holsten,
Die tapfer heut' gesiegt
Im Schutz der höchsten Jungfrau.
Doch rasch die Nacht verfliegt.

?Wir dürfen nimmer säumen,
Schon sendet Frührothschein
Des Morgens ersten Schimmer
In's Nebelreich hinein.
D'rum durch das Blachfeld weiter;
Greif' aus, mein gutes Roß,
Wir haben noch zu reiten
Hin bis zum Kieler Schloß".

Und rasch geht's fort zum Walde,
Der nimmt sie schützend auf;
Durch seine dunkeln Schatten
Führt sie der flücht'ge Lauf.
Die hohen Wipfel rauschen,
Ein grünes Blätterdach,
Und rufen in den Zweigen
Des Haines Sänger wach.

Von Thau erglänzt der Rasen,
Die Blumen hauchen Duft
Dem Morgenstrahl entgegen
Und milde weht die Luft.
Da hebt mit schwerem Seufzer
Der König wie im Traum
Das Aug', das ihm geblieben,
Sieht sich am Waldessaum.

Weithin vor seinem Blicke
In erster Tagesgluth
Wogt purpurübergossen
Des Meeres Silberfluth,
Und schäumend spielt die Welle
Um's grüne Küstenland,
Wo stolz die Thürme ragen
Von Kiel, am blauen Strand.

Da spricht der schwarze Ritter:
?Jetzt, König Waldemar,
Hab' ich mein Wort gelöset;
Es naht der Deinen Schaar".
Und sanft läßt er ihn gleiten
Hernieder von dem Roß,
Denn durch die Eb'ne ziehet
Heran der Dänen Troß.

Es glänzen Helm und Harnisch,
Die Erde schlägt der Huf,
Und zu des Königs Ohren
Dringt seines Landes Ruf.
Da reichet er dem Ritter
Die schwere Eisenhand:
??Laß mich Dein Antlitz schauen,
Du Retter unerkannt, ?

Spricht er ? und eh' wir scheiden,
Sag' an mir, wer Du bist"".
?Dein Feind auf Tod und Leben!
? des Ritters Antwort ist ?
Doch heute zieh' in Frieden,
Die Jungfrau sei mit Dir!"
Und rasch hebt er die Hände
Und öffnet sein Visir.

??Ha, Du, Graf Adolf!"" murmelt
Des Königs blasser Mund,
Und taumelnd sinkt er nieder
Auf feuchtem Wiesengrund.
Der Graf, der lenkt zum Walde
Des braven Rosses Lauf
Und strahlend über Holstein
Geht neu die Sonne auf.

  1. Die Schlacht bei Bornhöved am 22. Juli 1227, in welcher der Dänenkönig Waldemar II., der Sieger, vom Grafen Adolf von Holstein unter Beihülfe des Erzbischofs von Bremen und der Ditmarschen gründlich geschlagen wurde. Wie die Sage erzählt, stand auch die heilige Jungfrau dem Grafen helfend bei, indem sie, sein inbrünstiges Gebet erhörend, ihren Schleier der Art vor die Sonne hielt, daß die Holsteiner im Schatten kämpften, während das Sonnenlicht die Dänen blendete. Der Sage verdanken wir auch den Bericht über die Rettung des Königs durch seinen edelmüthigen Feind.