Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Die Häuptlinge von Esens von

Die Häuptlinge von Esens

Gebrochen ist der Friesen Macht;
Der Bremer starke Hand
Hat sie bezwungen in der Schlacht, –
Ihr Häuptling irrt verbannt.
Die tapfern Söhne schau'n mit Groll
Des Friesenvolkes Schmach.
?Ha! – ruft Herr Dedo zornesvoll –
Wann kommt ein Rachetag?"

Herr Gerold reichet ihm die Hand:
?Zur Friedburg sonder Ruh'!" –
So zieh'n bewehrt sie und bemannt
Der starken Feste zu.
Doch ach, ihr Häuflein ist zu schwach,
Zu groß der Feinde Zahl!
Nach heißem Kampfe sinkt der Tag,
Es ruht der scharfe Stahl.

Den Boden färbt der Friesen Blut;
Das tapf're Führerpaar
Gefangen wird's; mit trotz'gem Muth
Beut sich's den Fesseln dar. –
Man schleppt zur Stadt sie, vor's Gericht:
?Zum Tod durch's Henkerschwert!"
Sie hören es und wanken nicht,
Des Friesennamens werth. –

Und Dedo's Haupt rollt in den Sand,
Das Leben ist entfloh'n;
Da streckt die fesselschwere Hand
Des Häuptlings letzter Sohn;
Er hebt das blut'ge Haupt empor
Und küßt die Lippen heiß,
Doch keine Thräne quillt hervor,
Sein Aug' ist starr wie Eis.

Der Bruderkuß auf todten Mund
Bewegt des Volkes Sinn;
?Fort mit dem Schwert! Schließt einen Bund
Mit ihm, dann laßt ihn zieh'n!"
So ruft's und drängt's; und Mitleid regt
Sich in der Ritter Brust;
?Wohlan, Herr Gerold, überlegt,
Habt Ihr zum Bunde Lust?

?Frei sollt Ihr sein; doch nehmt ein Weib
Aus uns'rer Töchter Schaar
An Gütern reich, und schmuck von Leib,
Die führet zum Altar!
Dann seid Ihr unser; eng vereint
Ist Euer, unser Recht;
Wir steh'n als Freunde gegen Feind',
Ein mächtiges Geschlecht!"

Herr Gerold wirft den Kopf zurück
Und spricht mit stolzem Ton:
?So kauf' ich nicht der Freiheit Glück,
Ich bin des Häuptlings Sohn!
Ein Ankerfaß voll Gulden sei
Der Preis, schwer von Gewicht;
Ein edler Friese, stolz und frei,
Mag – Krämertöchter nicht!"

Und durch das Volk ein Murren geht:
?Hoffärtig Fiesenblut!"
Doch trotziglich der Jüngling steht
Mit ungebeugtem Muth. –
?Laßt frei ihn für gebot'nen Preis!"
Ruft's hier und dort im Rath.
?Ich warne euch! – spricht ernst ein Greis –
Ihr sä't nur blut'ge Saat!

?Meint ihr, der letzte Bruderkuß
Schwänd' je aus Gerold's Sinn? –
Sein Haupt, es falle, weil es muß!
Nur dann habt ihr Gewinn. –
Soll ungestraft sein Uebermuth
Verhöhnen unsern Stand?
Soll er uns schädigen an Gut
Zu Wasser wie zu Land?

?Wie, sollten wir den Rachesinn
Erneu'n durch eigne Schuld? –
Drum macht ein rasches Ende drin,
Uebt nicht vergebne Huld!" –
Und schnellen Wandel schafft das Wort,
Das Mitleid ist entfloh'n;
Es kreist das Henkerschwert sofort, –
Todt liegt des Häuptlings Sohn.