Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Aus alter Zeit von

Aus alter Zeit

Nach des Tages lautem Treiben
Und des Lebens vielgefärbten,
Wechselvollen, bunten Bildern
Saßen wir in unserm trauten
Plauderstübchen einst beisammen.
Draußen deckten trübe Wolken
Des gestirnten Himmels Bläue
Und gespenstisch zogen Nebel
Durch die abenddunkle Weite.
Schaurig klagt' der Wind aus Norden
Um des Sommers holde Blüthen,
Die der Todeskuß des Herbstes
Längst in's stille Grab gebettet.
Laut und melancholisch tönte
Seine trauervolle Weise,
Wie die letzten dürren Blätter
Er mit unbarmherz'gen Händen
Streifte von den kahlen Bäumen.

Doch was kümmert' uns sein Aechzen
Und sein lang nachhallend Stöhnen?
Unserm Ohre klang das Brausen
In den sturmbewegten Lüften
Gleich dem Grundton jener süßen
Wunderbaren Melodieen,
Die mit vollem Chore tönten
Aus den längst vergilbten Blättern
Eines alten Folianten.
Rascher schlugen uns're Pulse,
Höher klopften uns're Herzen,
Und mit glüh'nden Wangen lauschten
Wir dem Worte unsers Dichters,
Das, ob auch schon lang verklungen
Und vergessen, doch noch heute
Nach Jahrhunderten die Saiten
Unsers Innern mächtig rührte.
Epithertes ? also lautet
Jene wundersame Märe ?
Schiffte von den sonn'gen Küsten
Griechenlands einst nach Italien.
Wind und Welle war ihm günstig,
Und schon dacht' er frohgemuthet
An das Ziel der fernen Reise,
Als gen Abend, da die Sonne
Golden streifte Meer und Himmel,
Aeolus verstummte gänzlich
Und kein Lüftchen mehr sich regte.
Nur wie kosend spielt' die Woge,
Um den Bug des stolzen Schiffes,
Das mit schlaffgesenktem Segel
Langsam folgt' der schwachen Strömung.
Stille ward's und immer stiller
Ob der blauen Meerestiefe,
Und ein feierlich Erschauern
Athmet aus dem Hauch des Abends,
Als urplötzlich eine Stimme
Weithin schallte ob den Wassern.
?Thamus" rief sie und zum zweiten
Und zum dritten Male ?Thamus!"
Dieser aber, ein Aegypter,
Der des Schiffes Steuer führte,
Hört' erbleichend seinen Namen
Und gab Antwort nur mit Zittern.
?Thamus" sprach alsdann sie wieder,
Immer lauter, voller tönend
Durch die Purpurgluth des Abends,
?Wenn Du auf die Höhe kommest
Von Pelodes, so verkünd'ge,
Daß der große Pan gestorben".
Sie verstummt', und Schrecken malte
Sich auf jeglichem Gesichte;
Ob geheimnißvoll und dunkel
Auch die Rede, Jeder fühlte
An des eignen Herzens Pochen,
Daß ein tief verborg'ner Sinn doch
In den wen'gen Worten liege.
War es Zorn, war's Huld der Götter,
Was der Rufende verkündigt?
Wird vielleicht mit ew'gem Tode
Der Gehorsam sich bestrafen?
Oder gar die Nichterfüllung
Seines seltsamen Gebotes
Sie hinab zum Hades reißen?

Langsam schlich nun Stund' um Stunde,
Schaurig ernst das mitternächt'ge,
Ungebroch'ne Todesschweigen,
Das wie Fluch auf Allen lastet'.
Erst als aus den blauen Fluthen
Sich mit ros'gem Schein der Wagen
Des Apollo hub am Morgen,
Kehrte Ruhe den Erschreckten,
Hoffnung den Verzagten wieder.

Mittag war's, als in der Ferne
Sacht die Höhen von Pelodes
Aus den klaren Wassern stiegen.
Zitternd sah'n die bangen Schiffer,
Wie die sonnumglänzten Spitzen
Höher sich und höher huben
Und die Stunde der Entscheidung
Näher nun und näher rückte.
Endlich rastete das Fahrzeug,
Lässig sanken hin die Ruder,
Und auf kaum geschwellter Woge
Schwankt' das Schifflein auf und nieder.
Ernst mit todesbleichem Antlitz
Tritt an's Steuer der Aegypter
Und hebt zagend seine Stimme.
Heiser und gebrochen klingen,
Unverständlich erst die Laute,
Doch dann sammelt er sich mählig,
Und im Muthe der Verzweiflung
Ringen sich von seinen Lippen
Die geheimnißvollen Worte,
Daß sie klar und deutlich schallen
Durch ahnungsvolle Schweigen:
?Pan, der große Pan ist todt!" Wie
Ein Verstummen, ein Ersterben
Ueberkommt's die sonn'ge Weite.
Stille wird es, grau'nhaft stille,
Doch dann schüttert rings die Erde
Wie in bangem Todeskrampfe,
In den Lüften schwillt und rauscht es,
In den Tiefen kocht und braust es,
Aus den Wassern schallt es trauernd,
Von den Bergen widerhallend
Und zu tausendstimm'ger lauten,
Allgewalt'gen Klag' anschwellend,
Schreit es von der Erd' gen Himnmel:
?Pan, der große Pan gestorben".
Kaum, daß noch das Wort verklungen
In dem wehmuthsvollen Echo,
Dessen langgezog'ne Seufzer
In der Ferne leis verzittern,
Hebet sich der Ruf auf's Neue
Mit verdoppeltem Gestöhne.
War's der Todesschrei der Völker?
Waren's Stimmen der Dämonen
Oder Klagelaut der Götter:
?Pan, der große Pan gestorben!?"
Zitternd hört es rings die Erde,
Zitternd hören es die Schiffer,
Die mit stummen Händeringen
Ihres Unterganges harren.
Von des Meer's Getos verschlungen,
Schweigen endlich jene Stimmen,
Doch noch lange hallet schaurig
Dieser Ruf in ihre Träume:
?Pan, der große Pan gestorben!" ?
?So geschehen ? schloß die Märe ?
Unter des Tiberius Herrschaft?.

O des Reichthums ew'ger Weisheit
Und der unerforschten Tiefe
Der verborg'nen Wege Gottes,
Daß, sein neues Reich zu künden,
Falsche Götter Zeugniß geben
Und vor seiner Macht sich beugen!

Unter des Tiberius Herrschaft
Stand das Kreuz, das vielgeschmähte,
Auf der Höh' von Golgatha.
Dorngekrönet, schmachbedecket
Udn zerfleischt von Geißelhieben,
Trug's an sienem Marterholze
Den Verachtetsten der Menschen,
Dessen blutentstelltes Antlitz
Nicht Gestalt noch Schönheit hatte.
Kein Erbarmen auf der Erde,
Kein Erbarmen mehr im Himmel
Und die Hölle triumphiret!

Aber als mit starker Stimme
Seinen Geist er Gott befohlen
Und das edle haupt sich neiget,
Sieh! das bebet rings die Erde,
Gräber thun sich auf, und krachend
Spalten sich die mächt'gen Felsen.
In dem bangen Todesschauer,
Der, vom Kreuze niederrinnend,
Bald die ganze Welt umschleiert,
Hebt sich zitternd in den Lüften
Ein Gestöhne, ein Gewimmer,
Wie der jammervoll gemischte
Todesschrei aus tausend Herzen.
Satan ist's mit seinem Anhang,
Der in stolzem Uebermuthe
Den Gekreuzigten verhöhnet
Und in seiner Ohnmacht Wüthen
Nun erkennt die Schmach des Kreuzes,
Die ihn sieggreich überwunden.
Darum klagt es in der Höhe,
Darum rauscht es aus der Tiefe,
Darum widerhallt es schaurig
Von des Meeres fernsten Grenzen,
Wo der Mitternacht Gewalten
Ihr verborgen Reich geführet:
?Pan, der große Pan gestorben!"
Ja, gestorben sind die Götter
In dem Tod des Gottessohnes,
Und die Welt, die lang gefangen
In den schweren Sklavenketten
Des Verderbens und der Sünde,
Ist befreit von ihren Fesseln.
Freudig jubelt sie dem Kreuze,
Das den alten Bann gebrochen,
Und in stummer Ehrfurcht huldigt
Sie dem wunderbaren Namen,
Der den Gläub'gen hold und lieblich,
Bösen Geistern aber furchtbar.
In dem süßen Namen Jesu
Müssen alle Knie' sich beugen,
Derer, die im Himmel droben,
Die hier auf der Erde wallen,
Und der unterird'schen Mächte,
Die im Reich des Bösen hausen,
Und bekennen alle Zungen,
Daß der einst am Kreuz Verschmähte,
Jesus Christus, triumphiret
In der ew'gen Glorie Gottes.