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Sage vom Giersfeld von

Sage vom Giersfeld

Das war auf dem Giersfeld der Ritt mit dem Alk,
Wovon sie noch singen und sagen –
So schnell wie die Lüfte durchschneidet der Falk,
Wie die Windsbraut stürmend die Wogen zertheilt
Und der zuckende Blitzstrahl den Wolken enteilt,
So brauste das wüthende Jagen.

Weithin auf dem Felde ist's öde und leer,
Im Haidekraut aber und Ginster,
Darüber die Nebel ein wallendes Meer,
Da regt sich's zuweilen unheimlich und sacht.
Ein irrendes Flämmchen durchzittert die Nacht,
So trübe, so schaurig und finster.

Die Vögel der Nacht mit dem lautlosen Flug
Umkreisen die schweigende Runde;
Nur leis und verloren trägt Windeszug
Verworrene Klänge im Dorfe herbei,
Der Hunde Gebell, eines Käuzchens Schrei,
Vom Thurme das Schlagen der Stunde.

Im Dorf an der Haide, Alfhausen genannt,
Da wachen noch fröhliche Zecher.
Sie schütteln die Würfel mit kundiger Hand,
Sie preisen die Heerden, der Felder Frucht,
Der Rosse und Rinder vortreffliche Zucht –
Es kreisen die schäumenden Becher.

?Wer hält mri die Wette? – ruft weineserregt
Der heitern Genossenschaft Einer –
Wie viel ihr der Rosse auch füttert und hegt,
Ich wette, und wär' es der heillose Schalk,
Der Reiter auf feurigem Rade, der Alk,
So schnell wie mein Schimmel ist keiner".

??Wir setzen neun Pfunde des Silbers daran,
Doch laß vor dem frevlen Beginnen
Dich warnen, Du bist ein verlorner Mann"" –
Schon eilt er zum Hof und schon zäumt er das Roß,
Schon ruft er von Weitem dem zagenden Troß:
?Ich werde die Wette gewinnen".

Inmitten der Haide da senkt sich das Feld
Zum schilfüberwuchterten Grunde –
Da hauset der Alk, und der Jagende hält
Mit schallendem Ruf nach dem stürmischen Lauf.
??Gleich komm' ich, Verweg'ner! – so schallte es herauf –
Ich zäume mein Rößlein zur Stunde"".

Nun fährt er aus schwankendem Röhricht hervor
Auf feurigem, sprühendem Rade,
Nun jagen sie wild übe Haide und Moor,
Vorbei im gespenstisch rothglühenden Schein
An der Hünengräber bemoostem Gestein,
Auf dornig verworrenem Pfade.

Umkreisend die Haide in Todesgefahr,
So sprengt er zum schützenden Orte.
Schon sengen die Funken dem Reiter das Haar –
Da bäumt sich das Roß zum gewaltigen Sprung
Und setzt auf die Tenne mit mächtigem Schwung
Zum Herd' durch die heimische Pforte.

Mit schnaubenden Nüstern der Schimmel steht,
Der Sieger bricht kraftlos zusammen –
Er flüstert zum Himmel ein dankend Gebet
Und zeigt nach dem Alk, der da wüthig entflieht,
Deß Zeichen man heut' noch am Pfosten ersieht,
Geschwärzt von den sprühenden Flammen.

Das war auf dem Giersfeld der Ritt mit dem Alk,
Wovon sie noch singen und sagen –
So schnell wie die Lüfte durchschneidet der Falk,
Wie die Windsbraut stürmend die Wogen zertheilt
Und der zuckende Blitzstrahl den Wolken enteilt,
So brauste das wüthende Jagen.

Sie meiden noch heut' den unheimlichen Grund,
Ob Jahre vorüberzogen,
Und die Alten im Dorfe thun flüsternd kund:
Der Ritt um die Wette in grausiger Nacht
Hat Kindern und Enkeln nicht Segen gebracht,
Wie Spreu ist das Silber verflogen.