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Sterbelied von

Sterbelied

Mel.: Was mein GOtt will

SO komm, geliebte Todes-Stund,
Komm, Ausgang meiner Leiden!
Ich seuftz aus diesem Sünden-Grund
Nach jenen Himmels-Freuden.
Ach! liebster Tod, komm bald heran,
Ich warte mit Verlangen,
Ich weissen Kleidern angethan,
Vor GOttes Thron zu prangen.

Ihr schwachen Glieder scheuet zwar,
So früh entseelt zu werden:
Die Seele selbsten kan nicht gar
Ohn alle Pein der Erden,
Darinnen sie bisher gelebt,
Den letzten Abschied sagen;
Bald ist sie freuden-voll, bald schwebt
Sie wieder voller Zagen.

Doch, JESU, deine Liebe macht
Mir alle Furcht verschwinden:
Ich werd in dieser Todes-Nacht
Dich, Lebens-Fürsten, finden.
Ich finde, ja ich halte dich,
Mein Leben, mein Verlangen;
Mein Leben, du wirst selbsten mich
Mit deinem Licht umfangen.

Drum sterb ich nicht in diesem Tod,
Der Tod ist nur mein Leben:
Nach kurtzem Kampf, nach kurtzer Noth
Ist dort ein ewig Schweben
Voll Herrlichkeit, voll Ruh und Freud,
Voll Fried, voll Trost, voll Wonne,
Voll Seligkeit, wo allezeit
GOtt selbsten ist die Sonne.

Der Hertzog meines Lebens ist
Durch Tod zum Leben gangen,
Und ich werd auch zu meinem Christ
Auf diesem Weg gelangen;
Der letzte Schritt zur Seligkeit
Geschicht durch selig Sterben:
Ist er, mein Haupt, in Herrlichkeit,
Wie soll sein Glied verderben?

Drum zage nicht, mein schwacher Sinn,
Verlaß den Leib der Erden:
Wirff alles Eitle willig hin,
Die Erd muß Erde werden.
Die Seele bleibt in GOttes Hand,
Bey solchem Wohl-Vergnügen,
Das nur der Geist und kein Verstand
Anietzt begreiffen mügen.

Auch wird die schöne Freuden-Zeit
Am End der Zeit entdecken,
Daß GOTT der Seelen vorig Kleid
Auch aus dem Staub erwecken
Und ewig herrlich machen kan:
Da wird seyn volle Wonne,
Wenn wir, mit Klarheit angethan,
Dort leuchten wie die Sonne.

An uns stirbt nichts als Sterblichkeit,
Wir selbst sind unverlohren:
Der Leib wird nur der Last befreyt
Und himmlisch neu gebohren.
Denn, was man hie verweslich sä't,
Was hier verdirbt im Dunckeln,
Das wird, so bald es aufersteht,
Voll Glantz und Schönheit funckeln.

Drum gebt, ihr schwachen Glieder ihr,
Euch willig hin der Erden:
Es wird von eurer Zahl und Zier
Ja nichts verlohren werden.
Die Haut, die vormals euch bedeckt,
Wird dort mich wieder kleiden,
Wenn ich, in meinem Fleisch erweckt,
Beschaue GOtt mit Freuden.

Dem ich im Glauben hier gedient,
Der wird mich dorthin bringen,
Wo Tausend, Tausend vor ihm sind
Und ewig Heilig singen.
Da werd ich seine Herrlichkeit
Mit meinen Augen sehen,
Und was in Zeit und Ewigkeit
Von ihm mir Guts geschehen.

GOtt selbst mit seinem Angesicht
Wird ewig mich erquicken:
So werd ich auch in seinem Licht
Mir selbsten ihn erblicken.
O Herrlichkeit! wie find ich mich,
Wenn Engel-reine Seelen
Mit Sonnen-klaren Leibern sich
Vor GOttes Stuhl vermählen?