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Gebet einer Wittwe von

Gebet einer Wittwe

DU freundlicher, getreuer GOTT!
Du Zuflucht aller Armen,
Du Helfer in der größten Noth,
Laß meiner dich erbarmen!
Du kennest meinen Wittwen-Stand,
Und weissest meine Sorgen.
Unverborgen
Ist dir mein Creutzes-Band
Und Flehen alle Morgen.

Du nennest dich der Wittwen Mann,
Ein Vater aller Wäysen.
Wer ist, der dieser Worte kann
Nach Kunst und Würden preisen?
Dieweil kein Vater auf der Welt
Sie weiter hertzlich liebet,
Nothdurft giebet,
Versorget und erhält,
Als du, weil sie betrübet.

Dis Vater-Amt, HErr Zebaoth!
Hast du auf dich genommen;
Drum laß es doch, du wahrer GOtt!
Auch mir zu statten kommen.
Ach! Vater, ach! erbarm dich mein!
Und meine Wäysen nähre,
Tröste, lehre,
Wenn sie es würdig seyn,
Gib gnädig Brodt und Ehre

Und weil die Wittwen in der Welt
Nicht einen Freund oft haben,
Der ihre Sachen recht bestellt
Ohn Ansehn, Gunst und Gaben:
So willst du selber Vormund seyn,
Auch ihre Sachen richten,
Hören, schlichten;
Den Gegen-Part allein
Zur Rechenschaft verpflichten.

Ich bin verlassen, sonder Ruh,
Bin trostlos und voll Jammer,
Doch siehst du meinen Thränen zu
In meiner finstern Kammer.
Bricht denn ein Wetter schon herfür
Und will, mit starcken Blitzen,
Mich erhitzen,
Flieh ich getrost zu dir,
Da kann ich getrost zu dir,
Da kann ich sicher sitzen.

Mein GOtt! mein Helfer! Burg und Trutz!
Mein Mann! und mein Ernährer!
Umschließ mein Haus mit deinem Schutz
Und hemme dem Verheerer.
Dis Wort laß meine Mauer seyn:
Ihr sollt die Wittwen schützen,
Kräftig stützen,
Und nicht, durch Rechtens-Schein,
Das Ihrige besitzen!

Erweckte Hertzen, die mit Lust
Und redlich bey mir stehen:
Laß ihnen nicht seyn unbewußt,
Daß dir ein Dienst geschehen,
Wenn sie die Wittwen richten auf,
Die Wäysen brünstig lieben,
Nicht betrüben,
Im gantzen Lebens-Lauf
Stets gute Wercke üben.

Behüt mich vor dem Lügen-Maul
Und frevelhaften Leuten,
So, zu dem Lästen nimmer faul,
Was wahr ist widerstreiten;
Und plaudern frech und ohne Scheu
Die Wittwen zu verhöhnen,
Deren Sehnen
Du dennoch stehest bey,
Und endlich auch wirst crönen.

Laß mich in meiner Einsamkeit
Mein Hoffen auf dich setzen,
Daß weder Furcht noch Hertzeleid
Die Seele mag verletzen.
Erhalte mich in keuscher Zucht,
Und zähme Leib und Sinnen.
Mein Beginnen
Sey deines Geistes Frucht,
Dadurch man kann gewinnen.

Laß ferner deinen Segen nicht
Von meiner Hütte weichen;
Dein Auge, HErr! auf mich gericht't,
Kann allen Gram verstreichen;
Sollt künftig aber Wüsteney
Und Mangel seyn zu sehen,
Laß mich gehen,
Zum Zeugniß deiner Treu,
Und lesen, was geschehen:

Wie Zarphats Wittwe nicht den Tod
Mit ihrem Sohn darf schmecken, 1. Kön. 18, 8
Als sie Elias ihre Noth
Mußt wunderbar entdecken;
Das Mehl im Kasten mehrte sich,
Und ihre Sorgen schwunden
Alle Stunden.
Sie rühmte öffentlich
Was Gutes sie gefunden.

Wie des Propheten Wittwe war
In tiefe Schulden kommen, 2. Kön. 4, 1
Daß auch der lieben Kinder-Paar
Ihr sollte seyn genommen;
Es war kein Vorrath, Geld und Gut
In ihrer Armuths-Höhle,
Doch das Oele
Und Gottes Segens-Fluth
Erhielt die fromme Seele.

Drum, reicher GOtt! laß deine Hand
Auch meine Sorgen heben,
Und halt mich als ein Liebes-Pfand
In diesem kurtzen Leben;
Halt ferner mich in guter Acht,
Gib Nahrung, Brodt und Kleider,
Das oft, leider!
Den Wittwen Kummer macht,
Und Hertzens-Lust dem Neyder.

Bricht denn mein letzter Tag herein,
So laß mich gläubig sterben,
Und gäntzlich unbesorget seyn
Was meine Wäysen erben.
Sey Vater-Theil und Mutter-Gut!
Dann will ich frölich scheiden,
Aus dem Leiden;
Weil mein betrübter Muth
Sieht tausend-tausend Freuden.