Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Glauben und Wissen von

Glauben und Wissen

Schau an im Herbst den blätterlosen Baum,
Wie kahl und leer, du kennst ihn wieder kaum;
Nur flüchtig streift dein Blick sein graues Holz
Und sucht umsonst nach einst'gem Prunk und Stolz,
Nach gold'nem Roth, das leuchtend ihn umwob,
Und das der Nordwind von den Zweigen hob.

Und dennoch birgt sein trauerndes Geäst
Den Lebenskeim, der sich nicht tödten läßt,
Der unberührt vom kalten Winter bleibt
Und frühlingsfrisch bald neue Blätter treibt,
So saftig grün, in wärm'rer Luft erwacht,
Daß jedes Aug' sich freut an ihrer Pracht.

Sieh, alles Wissen dieser eitlen Welt,
Wie mit dem Laubwerk ist's damit bestellt;
Man achtet's hoch als größte Zier und Ehr' –
Ja selbst das Herz wagt keinen Anspruch mehr,
Ob auch des Forschens kühn verweg'ner Flug
Das Höchste selbst mit schnellem Wort zerschlug.

Doch wenn im Abendroth das Sein verglimmt,
Wenn Spätherbstfrost ihm seine Farben nimmt,
Wenn Wintersahnung kühl den Geist durchweht,
Der vor der Lösung aller Räthsel steht,
Dann sinkt das Wissen, wie ein welkes Blatt,
Zur Erde hin, die es geboren hat.

Dann wird nur eins dir Trost udn Anker sein,
Der leise Ton im tiefsten Herzensschrein,
Der Heimatklang, so trösten sanft und lind,
Der glaube selbst, das lichte Himmelskind;
Er wird als Lebenskeim nach Wintersnacht
Den Frühling schau'n in nie geahnter Pracht.

Den ew'gen Lenz! wo Offenbarung quillt,
Die voll und ganz den Durst nach Wissen stillt.
Die dir es zeigt im Bronnen tief und klar,
Daß irdisch Wissen elend Stückwerk war
Und daß allein des Glaubens starke Hand
Uns aufwärts führt in's rechte Vaterland.