Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

An meinen Geist von

An meinen Geist

O du mein Geist, der durch der Allmacht Hände
Bisher zum Unglück bloß geschaffen schien,
Erwartet standhaft deines Leidens Ende ?
Ein Tag nimmt einst dieß alles von dir hin.
Der letzte Hauch macht einem jeden Herzen,
Das Gram und Kummer preßte, Luft,
Die größte Noth, die allergrößten Schmerzen
Verdeckt sodann die stille Gruft.

Dann schwingst du dich, frey von der morschen Hülle,
Zu jenem Thron der Gottheit hoch empor;
Dort lebst du erst in selig froher Stille,
Kein Zufall bringt dir mehr Verdruß hervor.
Du hörst nicht mehr Neid, Haß und Tadel schreyen,
Du siehst nicht Menschen, die voll Wuth
Der Ehrbegier, dem Geize Weihrauch streuen,
Und durstig sind nach Gold und Gut.

Du bist nicht mehr, wo sich ein Schwarm von Thoren,
Dieß zu beweisen, doch umsonst bemüh'n:
Die Hoffnung auf die Zukunft sey verloren,
Um diesen Trost den Menschen zu entzieh'n,
Der selbst oft den, den Unglück ganz umgeben,
Gelassen und zufrieden macht,
Wenn er bedenkt, daß ihm ein beßres Leben
Nach seinem Tod zugedacht.

Der, der das Licht der Welt mit Schmerz erblicket,
Der keinen Tag von Kummer frey erlebt,
Wie käme der zum Elend, das ihn drücket,
Wenn andre neben ihm das Glück erhebt,
So daß bey Lust in Ueberfluß und Freuden
Ihr Leben wie ein Traum verschwindt?
Wär' jener wohl mit Recht bestimmt zum Leiden,
Da sie, wie er, Geschöpfe sind?

Durch welches Recht wär' ein Tyrann bestimmet,
Auf einem Thron der Völker Herr zu seyn,
Und, wenn in ihm der eitle Stolz ergrimmet,
Die Menschlichkeit durch Menschen zu entweyh'n;
Daß er, um seine Wünsche zu erfüllen,
Ein ganzes Heer zur Schlachtbank führt,
Das, nur gereizt durch seinen stolzen Willen,
Sein Leben ohne Noth verliert.

Das Menschen würgt, die es nicht einmahl kennet
Und die in ihm nie Haß und Zorn erregt,
Bloß weil der Fürst sie seine Feinde nennet,
Da der Regent, der jener Krone trägt,
Aus gleichem Trieb sich diesem widersetzet,
Was jenen Stolz und Habsucht lehrt,
Die er weit mehr als Land und Leute schätzet
Die Krieg erwürget und verheert?

Und dafür soll, was so ein Gott der Erden
Zu tausend andrer Noth und Unglück thut,
Nie Rechenschaft von ihm gefordert werden,
Da bloß ihr Wohl in seiner Hand beruht?
O wie betrübt wär', Armer, dein Geschicke,
Sobald man dieß für Wahrheit hält!
Du kamst alsdenn bloß zu des Reichen Glücke
Und seinem Dienste auf die Welt.

Doch nie kann dieß der Freygeist nicht behaupten
So lang er nicht beweist, daß Gott nicht sey;
Denn wenn sie nicht, daß er gerecht ist, glaubten,
Blieb er nicht Gott und nicht von Fehlern frey.
Ist er gerecht, kann mit des Menschen Sterben
Sein Daseyn nicht zu Ende geh'n;
Ein jeder muß ein ander Theil erwerben,
Soll ein gerechter Gott besteh'n.

Deshalb, um sich nicht selbst zu widersprechen,
Vernicht er Gott, und glaubt, daß keiner ist,
Wer kann alsdenn einmahl das Böse rächen,
Wenn er nur Gott die Macht dazu verschliest?
Er setzt dafür ein Wesen in den Himmel,
Das nur von sich alleine voll,
Das viel zu groß, daß es um das Getümmel
Der Erde sich bekümmern soll.

O traurige, unheilige Gedanken,
Wie häufig reißt nicht euer Wahnsinn fort!
Gleich einem Strom, der aus des Ufers Schranken
Sich drängt, so überschwemmt an jedem Ort
Des Freygeists Unsinn jugendliche Herzen
Und pflanzt sein Gift in ihre Seelen ein.
Dann braucht man nur das Christenthum zum Scherzen
Und schämet sich ein Christ zu seyn.

Ein großer Geist, ein starker Geist zu heissen,
Dieß ist ein Ruhm, so denkt ein junger Thor,
Drum lernt er sich des Pöbels Wahn entreissen
Und witz'ger Spott ergötzt allein sein Ohr.
Da wird Gebete, Religion verlachet,
Von dem er keinen Nutzen sieht,
Weil nie kein Gott zu unserm Besten wachet
Und alles ohngefähr geschieht.

Allein, wie schwach wird oft ein solcher Spötter,
Wenn es mit ihm zum Lebens Ende geht!
Wie sehnt er sich denn erst nach einem Retter,
Wenn Sarg und Grab vor seinen Augen steht!
Denn sagt ihm erst sein eigenes Gewissen,
Es sey ein Richterstuhl bestellt,
Vor dem er sich auch werde zeigen müssen
Und der ein strenges Urtheil fällt.

Wie zittert denn für seiner letzten Stunde
Der starke Geist, der alles sonst verschmäht!
Wie schwach wird Gott mit eben diesem Munde
Denn oft um Trost und Gnade angefleht,
Der ihn, und das was er gebot zu ehren,
Gelästert und verachtet hat!
Denn sucht er in der Christen heil'gen Lehren,
Die er vorhin verspottet, Rath.

O laß, mein Geist! dich nie vom Wahn verführen,
Der nur verblendet und nicht beständig ist;
Vertrau auf Gott, so kannst du nichts verlieren,
Weil dich sein Schutz in keiner Noth vergißt.
Und wenn du einst den Körper sollst verlassen,
Bleibt dieß der beste Trost für dich:
Für einen Christ hat selber im Erblassen
Der Tod nichts schreckliches in sich.