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Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen von

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen ...

1 Kor. 13.

Ob mir als Mensch der ird'schen Klänge Fülle
Sich sanft ergießet in des Wohllauts Bahn;
Ob ich der Engel Sphärenchor enthülle,
Blitzschnell zerstörend Vorurtheil und Wahn –
Durchglüht nicht heil'ge Liebe mir die Seele,
Ist es ein tönend Erz, das voll erschallt,
Ein müßig Klingeln einer Schellenkehle,
Das machtlos in des Windes Hauch verhallt.

Und ist Weissagung auch mir zugefallen,
Erforscht Geheimnistiefen klar mein Geist:
Es gleicht dies Alles eines Kindes Lallen –
Besitz' Erkenntniß ich, die Jeder preist,
Und hab' ich selbst den unbesiegten Glauben,
Der Berge hebt und in die Ferne trägt;
Vermag ihm nichts den frommen Muth zu rauben:
Was ist ein Herz, das nicht in Liebe schlägt?! –

Und theil' all' meine Habe ich den Armen
Auch selbstentsagend reich und reicher aus,
Durchweht nicht meine Seele mild Erbarmen,
Es bleibet schaurig öde doch mein Haus.
Und ob für meinen Nächsten Flammenbrände
Verschlingen meinen Leib im Opfertod:
Doch ohne Liebe lässet dieses Ende
Mich nimmer handeln nach des Herrn Gebot.

Die Liebe, o wie schauet in dem Andern
Sie nicht die Mängel, nur des Guten Spur!
Nich sinket Hoffnung bei dem irr'gen Wandern
Ihr trüb und flüchtig, nein sie liebet nur. –
Gebrechen wird sie herzlos nicht verhöhnen,
Sich nicht ergötzen an des Nächsten Qual;
Nich ihn erniedern, um sich selbst zu krönen,
Nicht kalt ihm bohren in die Brust den Stahl.

Sich selbst vergessend lenket sie ihr Sinnen,
Ihr Denken all' auf jenes hohe Ziel,
Die eig'nen Freuden lassen zu verrinnen,
Um Ander'n Raum zu geben für ihr Spiel.
Ob tief gekränkt, läßt sie sich nicht erbittern,
Nicht bietet heiße Rache ihr Genuß;
Um And're mag voll Mitgefühl sie zittern,
Doch unaufhaltsam eilt dahin ihr Fluß.

Gerechtigkeit wird selbst dem Feind sie zollen,
Als unantastbar steht ihr Wahrheit da;
Dem Munde, der sie schmäht, wird sie nicht grollen,
Ob's Herz auch blutet – Lieb' verzeihet ja.
Sie duldet, hofft, daß Gutes überwinde,
Sie hört nicht auf, ihr Schein erlöschet nicht;
Ob auch der Himmel Strahlenglanz erblinde –
Wie einst entleuchtet noch ihr sanftes Licht.

Und alles Wissen, dessen sich die Weisen
Vermessen rühmen und mit eitlem Stolz,
Die Weisheit, drauf sie kühn die Welt umkreisen,
Ihr Geist, vor dem die Dunkelheit zerschmolz:
Nur stümperhaftes Stückwerk ist dies Alles –
Erst wenn des Himmels Licht verklärt wir schau'n,
Wenn Irdisches verklungen leisen Halles,
Dann wird, Vollkommenheit, dein Tag ergrau'n!

Als Kind war es des Kindes holde Sprache,
Die unschuldsvoll dem reinen Mund entquoll;
Noch ahnt' ich nicht des Lebens schwere Plage
Und heiter, ungetrübt die Stimm' erscholl.
Zum Manne doch gereift, warf solch' Gebahren
Ich ab wie ein veraltet Festgewand;
Voll Feuer reiht' ich ein mich jenen Schaaren,
Zu denen hin mein freudig Sehnen stand.

So bleibt der Glaube fest, als sich're Leuchte
Erstrahlend auf der dunkeln Wogen Fluth,
Wo Hoffnung treu die Rettungshand uns reichte,
Belebend neu den tief gesunk'nen Muth;
Die Liebe bleibt, die hehre Gottgesandte,
Sie will das arme Leben huldvoll weih'n:
Und segenspendend fließt durch alle Lande
Die Höchste sie, die Größte von den Drei'n.