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Schreiben An Seladon von

Schreiben An Seladon

Dein Wohlseyn solte mich gantz sonderbahr erfreuen,
Der Himmel wird nicht stets mit Zorn Cometen dräuen;
Zieht offt ein Wetter auf bey schwartzer Mitternacht,
So fügt sichs, daß hernach die Sonne Glantz und Pracht
Läst desto stärckerer am Horizont erblicken,
Mein Geist empfindet schon ein inniges Entzücken,
Wenn ein geliebter Brief davon mir Nachricht giebt,
Den ich so starck als dich, mein Seladon, geliebt.
Die Liebe heißt vor dich mich auch entfernet wachen,
Ich dencke tausendmahl: was muß er jetzt wohl machen?
Mein Hertz begleitet dich mit gleich gemeßnen Schritt,
Und suchet jeden Stein, den nur dein Fuß betritt.
Die Sehnsucht läst mich nicht dir von der Seite gehen,
Ich sehe dich im Geist vor mir leibhafftig stehen,
Und habe bis anher noch nimmer nicht geglaubt,
Daß mir ein frembdes Land dich, Werthester, geraubt.
Ich küsse dich, wie vor, muß ich gleich nur mit Schatten,
Das ist, mit deinem Bild, mich unterdessen gatten,
Und bleibe dir getreu auch in Abwesenheit,
Weil ich mein Hertze dir und keinen sonst geweyht.
Nichts Frembdes, glaub es mir, wird leichte mich bethören,
Mein Ohr will nur von dir und keinen andern hören;
Du bist und bleibest doch mein Liebstes auf der Welt,
Das meine Seele reitzt, und mir allein gefällt.
Zwar sitz ich oftermals nicht anders als in Schlummer,
Und mache mir dabey den ungerechten Kummer:
Vielleicht hat deine Treu auf Spiegel-Glaß gebaut,
Wo man das bald vergißt, was man darinnen schaut,
Doch will ich meinen Geist so viel als möglich fassen,
Ob mich das Schicksal gleich scheint noch so sehr zu hassen.
Die Hofnung heist bey mir das allerschönste Wort,
Die führet mich bereits schon an Vergnügungs-Port.
Beflügle deinen Lauff, und eile bald zurücke,
Die Seele sehnet sich nach deinen holden Blicke,
Und kan es noch nicht seyn, verdopple Brief und Schrifft,
Weil sonst nichts in der Welt mir ein Vergnügen stifft.