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Schreiben Philanders an Sylvien von

Schreiben Philanders an Sylvien

Mein Engel, lebe wohl, was kan ich anders schreiben?
Ich muß noch heute fort, eh daß sich Luna zeigt.
Ein widriges Geschick sucht mich von dir zu treiben,
Das mich, ich schwör es dir, mehr als empfindlich beugt.
Erwege, wie mir muß das Blut in Adern wallen,
Das Wehmuth Gram und Schmertz aus seinen Circul bringt.
Mir ist in einen Huy, Muth, Hertz und Sinn entfallen,
Weil dieser Donnerschlag durch Marck und Beine dringt.
Ich dencke, doch mit Schmertz, an die vergnügten Stunden,
Da dein beglückter Knecht dir noch zur Seiten saß
O! was vor Süßigkeit hab ich nicht offt empfunden,
So daß ich vielmahl mich darüber selbst vergaß.
Durfft ich dir deine Hand von Elffenbeine drücken,
Küßt ich den Purpur-Mund, wo tausend Rosen blühn,
So kont ich mich nicht satt an solcher Kost erquicken,
Die leider! mir nunmehr das Schicksal will entziehn.
Dein englischer Verstand, dein unvergleichlich Wesen,
Der Sitten Artigkeit, der Stellung Zierd und Pracht,
Die mich dein Umgang ließ aus Min und Worten lesen,
Hat mich viel tausendmahl mehr als entzückt gemacht.
Diß alles soll ich nun, Armseeliger, vermissen,
Unschätzbarer Verlust! durch den die Helffte mir,
Von meinen Hertzen wird, Annehmlichste, gerissen.
Ach! stelle dir nur selbst Philanders Elend für.
Der Abschied fällt mir schwer, wie bitter ist das Scheiden!
Ein jeder Glocken-Schlag schlägt mir ins Hertz hinein.
Du glaubst nicht, was dabey muß meine Seele leiden;
Ists möglich kan in mir noch Geist und Athem seyn?
Kan das Verhängniß wohl an mir sich grimmger rächen?
Als daß es mir durch dich der Seelen Nahrung nimmt.
Mein Hertze möchte mir in tausend Stücken brechen,
Zu was hat leider! mich der Sternen-Muth bestimmt.
Doch was vergrößr ich mir die Pein durch häuffges Klagen?
Genug daß das Schicksal spricht: es muß geschieden seyn.
Was nicht zu ändern steht, muß man gedultig tragen
Vielleicht zeigt mir das Glück bald wieder Sonnen-Schein.
Mein Engel, gute Nacht! muß ich dich gleich verlassen,
So reist Philander doch nur halb hinweg von dir.
Führt das Verhängniß mich gleich auf entfernte Strassen,
So nehm ich doch mein Hertz nicht, wie du denckst, mit mir.
Du hast es mir geraubt, du solst es auch behalten,
Verbanne Harm und Gram, gib selbgen kein Gehör,
Denn meine Liebe wird so leichte nicht erkalten,
Und wenn ich auch von dir viel tausend Meilen wär.
Dein reitzend Wesen wird mir stets vor Augen bleiben,
Dein Bild bleibt meiner Brust beständig eingeprägt,
Der Zeiten Schwamm vermag es nicht daraus zu reiben,
Nicht eher bis der Tod in kühlen Sand mich legt.
Ich bleibe dir getreu und will dich stets verehren,
Die weil kein frembder Strahl das Deinge rauben soll.
Philandes Hertz wird sich, ich schwör es, nicht verkehren,
Das Post-Horn klingt bereits, mein Engel, lebe wohl!