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Auf die vernünfftige und sehr bescheidene Phyllis von

Auf die vernünfftige und sehr bescheidene Phyllis

Wer Phyllis Eigenschafft und Tugend will beschreiben,
Der wird beschämt und auch vor Wunder stehen bleiben,
Kein Mahler und Poet trifft ihre Seltenheit,
Der auch die Tadelsucht ein Lob-Lied billig weyht.
Sie weiß was Adel ist, daß nicht die häuffgen Ahnen
Nur bloß allein den Weg zu Ruhm und Ansehn bahnen,
Daß Geld und grosses Gut vor unsrer Welt zwar Pracht,
Doch nicht, wie manche denckt, den rechten Adel macht.
Ihr edler Geist läst uns ein recht vortrefflich Wesen,
Und himmlischen Verstand aus Aug und Minen lesen,
Und spricht ihr artger Mund, so pflichtet jedes bey,
Daß ihres gleichen fast nicht leicht zu finden sey.
Ihr holdes Lächeln kan uns Seel und Sinne rühren,
Der Haß und Neid muß selbst aus ihren Reden spüren,
Daß sich ein jederman nach ihren Umgang reißt,
Der mehr als angenehm und unentbehrlich heißt.
Ihr Damen! last sie euch statt einer Vorschrifft dienen,
Bespiegelt euch an ihr, gebt Acht auf ihre Minen,
Wie sittsam selbge seynd, was, wenn ihr Mund sich regt,
Ein jedes Wort für Krafft, Geist, Glut und Nachdruck hegt.
Kein eitler Wahn kan sie, kein toller Hochmuth stöhren,
Sie weiß ein jegliches, bescheiden anzuhören,
Wohl wissend, daß ihr nichts von ihren Werth entfällt,
So höflich und geneigt sie sich auch immer stellt.
Ihr Auge läst uns nichts von Neid und Mißgunst blicken,
Sie pflegt nicht ihren Mund nach Momus Art zu rücken,
Es klebt kein Läster-Wort auf ihrer Lippen-Pracht
Das doch die heutge Welt zur grösten Mode macht.
Die späte Welt wird noch vor sie viel Ehrfurcht hegen,
Und sich diß Tugend-Bild in Aug und Hertze prägen,
Zumahl wenn man dereinst diß auf ihr Grabmal schreibt:
Daß Phyllis in der That des Adels Zierde bleibt.