Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Auf die eingebildete Rosilis von

Auf die eingebildete Rosilis

Die stoltze Rosilis trägt stets den Kopf empor,
Und schwatzt der gantzen Welt von ihren Ahnen vor,
Die müsten, dencket sie, nur bloß die Damen ziehren,
Doch läst kein Ritter sich durch den Gesang verführen.
Warum? die Sitten seynd zu schlecht, wie man erblickt,
Der Hochmuth, der sie fast zur Erden niederdrückt
Vergönnt ihr dennoch nicht ein einges Knie zu beugen,
Wenn man durch Grüssen ihr will Höflichkeit erzeigen.
Sie tritt, nach Pfauen Art, rümpfft ihren Mund darbey,
Und thut als ob sie selbst des Mogols Tochter sey.
Wer nicht viel Ahnen zehlt, den pflegt sie zu verlachen
Als könten sie nur bloß das Spiel gewinnend machen.
Viel Ahnen, wenig Geld, von Witz und Klugheit bloß,
Und auch an Tugend arm, klingt, dünckt mich, nicht recht groß.
Bethörte Rosilis, es ist bereits entdecket,
Wie weit dein Staat und auch sein Blendwerck sich erstrecket.
Ein hundert Güldgen seynd und diese kaum zur Noth,
Dein gantzes Erb und Gut; ein kleines Stückgen Brod!
Die Freyer pflegen sich nicht sehr darum zu reissen,
Denn obgleich Crito scheint dein Spaß-Galan zu heissen.
Dieweil du dir um ihn recht grosse Mühe giebst,
Und ihn, wie man an dir verspührt, recht ängstlich liebst,
So dürffte selbger doch, wohl schwerlich sich bequemen,
Der Ahnen Meng und Wust statt Mit-Gifft anzunehmen.
Gesetzt, daß dein Geschlecht gar nicht zu tadeln ist /
So fragt es sich darbey, ob du es würdig bist?
Verstand und Tugend muß dem Adel Glantz und Leben,
Wofern er soll der Welt ins Auge schimmern, geben.
Da man diß aber nicht an dir erblicken kan,
So bist du, Rosilis, wahrhafftig übel dran.
Wilst du gefällig seyn, so ändre dein Beginnen,
Durch Hochmuth läst sich nicht der Menschen Gunst gewinnen.