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Sagt, Musen! was bedeutet dies ... von

6. Ode

Welche an dem hohen Geburtstage Ihro Königl. Majest. in Pohlen und Churfürstl. Durchl. zu Sachsen im Jahr 1734. den 7. Octobr. in der Deutschen Gesellschaft zu Leipzig den Preis erhalten hat.

Sagt, Musen! was bedeutet dies,
Daß unser Lorberwald erzittert;
Droht ihn etwan ein Erdenriß,
Der ihn von weitem schon erschüttert?
Was für ein ungewohnter Blitz
Umstralt den schattenvollen Sitz?
Will Zeus durch Keil und Donner schrecken?
Wie? speyt vielleicht bey Wuth und Graus
Vesuv und Hekla Flammen aus,
Die sich bis zu den Wolken strecken?

Ihr schweigt! doch Fama, wie man sieht,
Scheint unsrer Gegend zuzueilen,
Ja, ja, sie kömmt; und ist bemüht
Uns sichre Nachricht mitzutheilen.
Bethörte! ruft sie, hört ihr nicht,
Daß Mavors ganz im Zorne spricht?
Er will nicht nur mit Worten dräuen;
Seht, wie er nach dem Küraß greift,
Sein halb verrostet Schlachtschwerdt schleift:
Wer wollte nicht sein Wüten scheuen?

O, laßt uns doch von ferne stehn,
Das wilde Schauspiel anzusehen;
Und nach dem Platz das Auge drehn,
Wo das Gefechte wird geschehen.
Ihr Musen, kommt, und geht gemach
Dem Wüterich, dem Stürmer nach,
Entwerft sein Thun in neuen Schriften:
Ihr wißt, daß seiner Grausamkeit
Die Griffel der verwichnen Zeit
Ein mehr als schrecklich Denkmal stiften.

Betrügt mich nicht der Augenschein,
So spür ich dort schon ein Getümmel.
Man sieht bey Rasen, Lermen, Schreyn,
Vor Dampf und Staub kaum noch den Himmel.
Ja, ja, es tummelt sich nunmehr
Mit seinem ungeschlachten Heer,
Der Bluthund auf den Ländereyen:
Da ist die tolle Hand bemüht;
Da hilft, wie man mit Schrecken sieht,
Kein Bitten, und kein trotzig Dräuen.

Welch Blutbad! schaut, ihr Musen, an,
Wie die Barbaren metzeln können;
Was Rach und Grimm verüben kann;
Wie grausam ihre Blicke brennen.
Wie viele streckt nicht Schwerdt und Rohr;
Man stelle sich den Blutstrom vor,
Der hier die Felder überschwemmet;
Und dessen roth gefärbte Fluth
Bey schnellem Lauf und wilder Wuth,
Kein Damm, kein starkes Schutzwehr hemmet.

Seht, wie der Mordgeist überall
Den Stahl erboßt, und hitzig wetzet,
Wie der gedungnen Krieger Schwall
Zugleich mit in die Gegner setzet.
Hier fallen ganze Scharen hin.
Sein Blutdurst und entbrannter Sinn
Läßt sich nicht eher wieder stillen;
Als bis er nach vollbrachtem Schlag
Die ganze weite Flur vermag
Mit kalten Leichen anzufüllen.

Verhaßter Blick! der uns in Graus,
Furcht, Schrecken, und Erstaunen setzet.
Wie greulich sieht die Wahlstatt aus,
Woran sich der Tyrann ergetzet!
Da liegt ein Schedel, dort ein Arm;
Hier siehet man Kaldaun und Darm
Aus der Entleibten Bauche quellen;
Dazu sich ein verrecktes Roß,
Das ebenfalls ein Rohr erschoß,
Im nahen Tode will gesellen.

Hört nur das ängstliche Geschrey,
Das Jammern, Winseln, Heulen, Klagen,
Das man bey solcher Raserey
Hört in die bangen Thäler schlagen.
Wie kocht das Herz! wie schäumt der Mund!
Wie schluckt und rächelt Kehl und Schlund
Der Armen, die verscheiden sollen!
Die nach erlittnem Streich und Stich,
Nunmehro diesem Wüterich
Den allerletzten Odem zollen.

Blickt hinter euch, da werdet ihr
Ein ander blutig Schauspiel finden.
Der wilden Krieger Wuth will hier
So gar die todten Steine binden,
Sie fällt, so tobend sie nur kann,
Die stummen Wäll und Mauren an,
Und strebt auch da nach Siegespalmen;
Sie sucht durch Minen und Geschoß,
Den stärksten Thurm, das beste Schloß
In tausend Stücken zu zermalmen.

Wie? donnert nicht schon manch Geschütz,
Wovon der Abgrund selber zittert;
Es ist, als wenn von Schlag und Blitz
Des Himmels hohe Feste schüttert.
Mich dünkt, es will des Stürmers Faust
Die hier so schrecklich lermt und haust,
Den halben Theil der Welt verheeren;
Er braucht die äusserste Gewalt,
Als wollt er Feld und Hügel bald
Zerstäuben und in Nichts verkehren.

Schlag, der den Ohren schrecklich fällt!
Knall, der auch weit und breit betäubet!
Ists möglich, daß in aller Welt
Ein Stein noch auf dem andern bleibet!
Wer zählt der Mörser Menge wohl,
Die man bis zu der Sterne Pol
Sieht mit entflammten Ballen spielen;
Und die bey dem erfolgten Fall
Den ungeheuren dicken Wall
Zerschmettern, und im Grund durchwühlen.

Wen setzt nicht bey dergleichen Noth
Das laute Donnern der Kartaunen,
Das Menschen, Thurm und Mauern droht,
In Furcht und Zittern, und Erstaunen?
Weh dir, du höchst bedrängte Stadt,
Die man erhitzt berennet hat,
Die man im härtsten Sturm bezwinget!
Wie macht der Feuerkugeln Schwarm
Den höchst bestürzten Bürger warm,
Da er in Stadt und Häuser dringet.

Da stürzt ein stolzer Thurm herab,
Der fast im Augenblick verschwindet,
Worunter mancher Tod und Grab
So unverhofft, als schrecklich findet.
Hier lodert wieder ein Pallast,
Der plötzlich Gluth und Flammen faßt,
So bald ein Wurf nach ihm geschehen:
Hier zeiget sich das alte Spiel,
Wie Troja dort im Schutt verfiel,
So daß wir keinen Stein mehr sehen.

Hilf Himmel! was erhebt sich dort
Für ein erstaunenswürdig Krachen?
Will etwan schon ein Allmachtswort
Den Erdenball zum Chaos machen?
Nein, Musen! des Salpeters Macht
Den Mars bis in den Grund gebracht,
Zerreißt den Boden durch sein Knallen;
Er sprengt empor was ihn gedrückt,
Ach! seht, wie aus der Luft zerstückt
Die Körper ganzer Scharen fallen.

Meynt ja nicht, daß der Wüterich
Nun endlich wieder still wird sitzen;
Werft nur das Aug auf jenen Strich,
So seht ihr schon sein Mordschwerdt blitzen.
Es zeiget sich ein fliegend Heer.
Ists nicht, als wenn hier Pluto wär
Mit ungezählten Höllenscharen?
Ists nicht, als wär in voller Wuth
Der Furien verdammte Brut
Aus Orcus Schlund heraus gefahren?

Tyranne! wie verfährest du?
Bey solcher Wuth ist gar kein Zweifel,
Es geh hier nicht natürlich zu.
Hier toben eingefleischte Teufel.
Kein wilder Barbar und Corsar
Stellt uns dergleichen Beyspiel dar.
Kein Unthier hat so toll gewütet.
Entmenschte Foltergeister, sprecht:
Hat euer rasendes Geschlecht
Ein Drach und Unthier ausgebrütet?

Ihr raubet, plündert, sengt, und brennt,
Und macht die fetten Ländereyen,
So bald ihr sie betreten könnt,
Zu lauter öden Wüsteneyen.
Der Henkerstahl, den ihr ergreift,
Mit welchem ihr so grimmig streift,
Zerfleischt, und würget, was er findet:
So, daß auch oft die zärtste Frucht
Die Mordbegier und Würgesucht
In ihrer Mutter Schooß empfindet.

Ihr Völker, die ihr bis anher
Die Sclavenfessel habt geführet,
Weil Mavors Schwerdt, Bellonens Speer
Nach euren Häuptern hat gezielet;
Kommt, schildert uns, kann es geschehn,
Das, was wir nur entfernt gesehn,
Ihr aber habt erdulden müssen;
Kommt, mahlt es uns natürlich vor:
Es wird sich unser Musenchor
Dafür zum Dank verpflichtet wissen.

Doch nein; der Sachen beßrer Lauf
Vertilgt des Traurens Angedenken:
Drum reißt uns nicht die Wunden auf;
Laßt uns auf euch das Auge lenken.
Es lehrt euch ja der Ruhestand
Mit froher Brust, und voller Hand,
Frolockend in die Häuser ziehen;
Denn der so sonst bey Schmerz und Quaal
Den Vorrath fraß, die Ruhe stahl,
Soll nun aus euren Grenzen fliehen.

Gnug, daß in euren Mauren nicht
Mehr feindliche Standarten wehen.
Ihr seht der Sterne heitres Licht
Statt blutiger Cometen stehen.
Kein donnerndes Geschütz schreckt euch,
Kein Mordgewehr vollführt den Streich;
Furcht, Angst und Schrecken ist verschwunden.
Es weicht, was eure Ruhe stöhrt,
Weil man von nichts als Frieden hört.
Der sich von neuem eingefunden.

Zufriednes Land, erwege doch,
Du wirst in Sicherheit gesetzet;
Hier lieget das zerbrochne Joch,
Das Schwerdt das man so scharf gewetzet.
Die güldne Zeit neigt sich herab;
Man reichet dir den Friedensstab;
Der Mangel eilt aus deinen Fluren;
Man macht der Fülle wieder Platz;
Der Unterthan sucht seinen Schatz
Aus seiner Gruben sichern Spuren.

Gesetz und Ordnung schwieg zuvor
Bey Feuerspeyenden Carcassen;
Nun reicht Asträa dir das Ohr,
Den Rechtsspruch wieder abzufassen.
Schau, was für Ruh und Sicherheit
Verspricht man dir auf lange Zeit,
Nach überstandnem Ungewitter.
Die Schaar der Musen giebt sich Müh,
Kein Wiedersacher stöhret sie,
Noch die bisher verstummte Cyther.

Der Kaufmann schreibt, und ist vergnügt,
Da nach verschwundnem Kriegsgetümmel
Sein Wechsel nicht, wie vormals, liegt;
Er hofft und dankt nunmehr dem Himmel.
Der Künstler nimmt die Werkstatt ein,
Wie froh muß nicht sein Herze seyn
Bey jedem Handel und Beginnen:
Weil nun kein Feind die Kunst verweist,
Und ihm das aus den Händen reißt,
Wodurch er muß sein Brodt gewinnen.

Der Bürger, den man mit Verdruß
Sah täglich an den Wällen kleben,
Umarmt den Weinstock, der ihm muß
Von neuem Lust und Schatten geben.
Der Landmann holet Eg und Pflug,
Die er bestürzt bey Seite trug,
Er pflügt sein Feld mit Lust und Lachen;
Er streut die Körner willig hin,
Weil ihm den Vortheil und Gewinn
Kein Räuber mehr wird streitig machen.

Wie allgemein ist nicht die Lust,
Da der Tyrann entflieht und eilet!
Die Freude herrscht in aller Brust,
Und hat sich überall vertheilet.
Ein schwacher und verfallner Greis
Der von der Welt fast nichts mehr weis,
Wird durch die Freude ganz verjünget,
Da wieder frischer Lebenssaft,
Und der verlohrnen Geister Kraft
In die erstorbnen Glieder dringet.

Die Jugend jauchzt, sie läuft und spielt,
Sie hüpft und springt auf Berg und Hügel,
Und läßt, da sie die Freude fühlt,
Der unschuldvollen Lust den Zügel.
Der Säugling auf der Mutter Schooß
Macht sich aus ihren Armen los,
Und will auch von der Freyheit wissen,
Es scheint, er merkt es selbst nunmehr,
Das Haus sey itzt von Feinden leer
Drum will er auch der Lust geniessen.

Der Hirte, der in Ställen saß,
Die einem Kerker ähnlich waren,
Streckt sich vergnügt auf frisches Gras
Bey seinen neugebohrnen Schaaren:
Er suchet das verquollne Rohr
Aus seinem Stall und Staub hervor;
Und läßt es höchst erfreut erschallen:
Bald zwingt er mit der Zung ein Blat,
Das er vom Strauch gebrochen hat,
Um seiner Phillis zu gefallen.

O! hört den angenehmen Klang
Von jenem Chor der Schäferinnen;
Gebt acht auf jeder Tritt und Gang,
Da sie der Freyheit Gold gewinnen.
Wie liebreich beut hier Paar und Paar
Im Kreis die Hand einander dar,
Schaut, wie sie tanzen, scherzen, singen;
Als wolten sie den Hirtengott
Nach überstandnem Gram und Spott
Bey solchem Fest ein Opfer bringen.

O Lust! nach jenem Mordgeschrey
Erthönen eitel Jubellieder
Und nach des Feindes Raserey
Erfreut, was Odem holt, sich wieder.
Aus Schwerdtern, Röhren, Stahl, und Spieß,
Das sonst der Krieger Werkzeug hieß
Schärft man die Pflugschaar itzt zum Pflügen;
Das donnernde Metall zerfließt,
Woraus man Ehrensäulen gießt,
Dem ganzen Lande zum Vergnügen.

Gebenedeytes Sachsen Land!
Erwege dein besondres Glücke
Was hält des tollen Feindes Hand
Von deinen Grenzen noch zurücke?
Der Himmel Ja! doch nicht allein;
Dein Friedrich August muß es seyn,
Der dich durch seine Klugheit schützet;
Der Held, der dich so liebt und hegt,
Verwehrt, daß dich kein Mordschwerdt schlägt,
Weil er den Frieden unterstützet.

Die Fittige beschirmen dich,
Die dir sein weisser Adler schenket,
Sein Churschwerdt wiedersetzet sich
Dem, der dich in der Ruhe kränket.
So lange dieser Janus wacht,
Ist der nur auf dein Wohl bedacht,
Kannst du vergnügt und ruhig schlafen;
Wenn andern Sturm und Wetter dräut,
So liegst Du mit Zufriedenheit
In deinem stillen, sichern Hafen.

Zwingt, Musen, eurer Flöten Thon,
Kommt, dichtet nichts als Helden Lieder,
Und legt sie vor des Königs Thron
Mit Ehrfurcht, ja mit Demuth nieder:
Besingt statt meiner diesen Tag,
Den man frohlockend feyren mag;
Mich hemmt die Furcht mit strengen Banden.
Drum schweigt mein Kiel, der heimlich spricht:
Wie herrlich ist Augustus nicht
In Ihm von neuem auferstanden!