Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Eilt ihr Schäfer aus den Gründen ... von

4. Schäferlied

Eilt ihr Schäfer aus den Gründen,
Eilt zu meinem Thyrsis hin,
Und, so bald ihr ihn könnt finden,
Sagt, daß ich ihm günstig bin;
Sagt, was er mir mitgenommen,
Nennt die Freyheit und mein Herz;
Sagt, er soll auch wieder kommen,
Denn man treibt damit nicht Scherz.

Ach! wie stellt sein holdes Wesen
Sich mir in Gedanken vor;
Thyrsis bleibet auserlesen
Unter unserm Schäferchor.
Sagt, ihr Nymphen an dem Strande,
Wo die klare Pleisse fließt,
Ob man nicht an ihm befande,
Daß er liebens würdig ist?

Ich vergesse Fluhr und Heerde,
Ja, ich kenn mich selbsten nicht,
Weil ich ganz bezaubert werde,
Wenn man nur vom Thyrsis spricht.
Will der Wolf das Lamm zerreissen,
So belach ich den Verlust;
Der ist leichte zu verbeissen,
Thyrsis herrscht in meiner Brust.

Denk ich noch, geliebte Seele!
An der Stunden schnelle Flucht,
Wenn ich sie zurücke zehle,
Die mein Geist vergeblich sucht;
Denk ich auch der zarten Liebe,
Die mein Thyrsis blicken ließ,
Und die fromm und reinen Triebe,
Da er mir mein Herz entriß.

Seufzer speisen, sehnlich Klagen,
Macht das Herze müd und matt;
Doch muß ich dir heimlich sagen,
Was mich längst bekümmert hat;
Ich girr, wie die Turteltaube,
Die durch ächzen Tag und Nacht,
Sich nach ihres Gatten Raube,
Selbst verzehrt und kraftlos macht.

Sitz ich unter Tann und Buchen,
Fällt mir auch mein Thyrsis ein;
Diesen will ich nur da suchen,
Ach! frag ich, wo mag er seyn?
Da lauf ich durch Fluhr und Auen,
Ob mein Schäfer sich versteckt?
Doch, ich kann der Spuhr nicht trauen,
Weil mich alles Wild erschreckt.

Nichts kann mir mehr Freude stiften,
Als wenn ich oft ganz allein,
Auf den buntbeblümten Triften,
Darf mit meinen Heerden seyn.
Fliegt die Taube mit dem Haufen,
So bleibt sie doch stets gepaart,
Keine wird vom Gatten laufen;
Das ist treuer Seelen Art!

Mir ist weiter nichts geblieben,
Als dies, daß ich sagen muß,
Ewig will ich Thyrsis lieben;
Ewig, ist mein fester Schluß.
Schöner Wechsel! süsses Leiden!
Thyrsis! hörst du, hörst du nicht?
Ich will auf den Auen weiden,
Wo ich seh dein Angesicht.

Denn ein Blick aus deinen Augen,
Wenn mich Frost und Hitze plagt,
Kann zu meiner Stärkung taugen,
Daß der Mund sich nicht beklagt.
Speis und Trank muß mich erquicken,
Wär es auch nur Rohm und Brodt;
Wenn ich dich kann streicheln, drücken,
Weis ich nichts von Sorg und Noth.

Leg ich mich des Abends nieder,
Spiel ich auf dem Haberrohr;
Bleibt der Innhalt meiner Lieder,
Thyrsis Name, wie zuvor.
Ach! du wohnst in meiner Hütte,
Wenn du gleich entfernet bist.
Denn ich spühr auf jedem Schritte,
Daß mein Thyrsis bey mir ist.

Soll ich mich mit deinem Schatten,
Weil mein Schicksal widerspricht,
Unterdeß im Traume gatten?
Wohl! ich weigre mich auch nicht.
Endlich schlägt die frohe Stunde,
Endlich kommt der frohe Tag,
Da ich dich aus Herzens Grunde,
Wie ich wünsche, küssen mag.