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Lied am Wintermorgen von

Lied am Wintermorgen

Wie feierlich, wie stille
Liegt meine traute Flur!
Wie glänzt in ihrer Hülle
Die freundliche Natur!

Bedeckt liegt ihre Schöne,
Ihr Mutterangesicht,
Und ihre Jubeltöne
Sind alle eingewiegt.

Doch sie - in ihrer Hülle,
Sie hat, nach Mutterart,
Der Freuden ganze Fülle
Uns liebreich aufgespart.

Man sieht sie an und meinet,
Sie ruh' nun auch einmal;
Denn all' ihr Thun bescheinet
Kein lichter Sonnenstrahl.

Doch selbst im Ruhn bereitet
Sie in der Erde Schooß
Den Segenskeim; er breitet
Sich aus, gedeiht, wird groß:

Und dann bricht durch die Hüllen
Land, Pflanze, Staud' und Saat,
Dann sehn wir, was im Stillen
Sie zubereitet hat.

Gesegnet sei, du Milde,
Gesegnet deine Treu!
Bald machst du die Gefilde,
Die Fluren wieder neu.

Dann preist dich, wenn dein Odem
Mit Lebenshauch durchweht,
Wer auf beblümten Boden
In deinem Schatten geht.

Ich sing' indeß und preise
Dich hier beim Morgenlicht,
Bekenne deine Weise,
Uns still zu segnen, nicht;

Und fleh' dich an, du Milde,
Bei deiner Muttertreu,
Gieb, daß ich deinem Bilde
Doch immer ähnlich sei!