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Spükemärchen von

Spükemärchen

Seid ein bischen stille,
Hört ein Spükemärchen an:
Seid ja mäuschenstille,
Weil ich schweigen kann.
Oft fliehn ganze Wochen
Ohne Trieb zu Sing und Sang -
Hört, wie Geist und Knochen
Einer Hohn gesprochen;
Doch werdet mir nicht bang.

Rüdiger von Siegen
Hörte achtzehn Jahre lang,
Seit man ihm zu Wiegen
Ey Popeya sang,
Bis auf wildem Rosse
Er jetzt saß mit stolzem Geist:
Auf dem alten Schlosse,
Lärme, rassle, stoße
Des Nachts ein Poltergeist.

Auf die Faust gestützet,
Dacht' er einst, zur Abendzeit:
O wer weiß, wie's nützet,
Wenn man ihn befreit!
Wem, aus feiger Schonung
Seiner Haut, nicht dafür graut,
Hat doch gleich zur Lohnung
Die verlassne Wohnung,
So hoch und schön gebaut.

Wie am andern Morgen
Sich sein Muth noch nicht verlor,
Baut' er erst den Sorgen
Seiner Eltern vor.
Sprach: Wie heiß und schwüle
Ist doch jetzt der ganze Tag!
In der Abendkühle
Reit' ich heut nach Thüle
Zum Herrn von Oberschlag.

Als zum langen Riesen
Jedes Menschen Schatten wuchs,
Strich mein Held durch Wiesen,
Heimlich, wie ein Fuchs
Schleicht zum Hühnerhause;
Doch er that sich nichts zu gut,
Eilte nihct zum Schmause:
Nein, zum Geisterhause
Trabt' er, aus Uebermuth.

In des Schlosses Hallen
Regt nicht Maus noch Vogel sich:
Seine Tritte schallen
Dumpf und fürchterlich.
Als der Eisenfresser
Unten ein Gemach ersehn,
Läßt er da sein Messer,
Geht am Schloßgewässer,
Bis die Stern' am Himmel stehn.

Da ging er in's Zimmer,
Schlug sein Licht sich an und sang.
Plötzlich schallt Gewimmer
Aus dem hohlen Gang.
Eul' und Leichhuhn schwirren -
Bebend stirbt das helle Licht -
Schwere Ketten klirren -
Aber doch verwirren
Sich seine Sinnen nicht.

Wokenlos und heiter
Scheint der Mond in sein Gemach;
Draußen poltert's weiter -
Schleppt die Kette nach.
Schrecklich sind Gespenster!
Da, und tappt's die Treppe nauf -
O, du Allerschönster!
Rette dich durch's Fenster,
Entflieh' mit schnellem Lauf!

Aber nein! er bleibet,
Neugier glüht im Angesicht,
Angst und Schrecken sträubet
Seine Locken nicht.
Ach - nun hört er's pochen
Auf dem Zimmer über ihm;
Und ein Menschenknochen
Kömmt hervor gekrochen,
Und stürzt mit Ungestüm.

Arm und Bein und Rippen
Purzeln jetzt; und unser Tropf
Gafft mit offnen Lippen -
Und da fällt der Kopf!
Kaum ist er herunter,
So baut ein Skelett sich auf;
Und (nun kömmt's noch bunter!)
Dieses nimmt ganz munter
Zum Ritter seinen Lauf.

Es speit Feuerschlünde,
Drohend hebt's den Arm empor -
Doch er kömmt geschwinde
Höflich ihm zuvor.
Eilt's in Arm zu drücken,
Schmeißt es kräftig an die Wand!
Kaum zerbricht's in Stücken,
Als vor seinen Blicken
Ein schönes Fräulein stand;

Prächtig ausgeputzet,
Doch in längst vergess'ner Tracht.
Wie der Ritter stutzet -
Große Augen macht!
Sie fällt ihm zu Füßen,
Und ruft aus mit süßem Ton,
Nach den ersten Grüßen:
Ach ich mußte büßen
Zweihundert Jahre schon!

Schön von Aug' und Haaren
War ich - doch icht fromm und klug.
Alle Freier waren
Mir nicht reich genug.
Als einst einen Grafen,
Der die Zauberkunst verstand,
Spott und Kränkung trafen,
Hat er, mich zu strafen,
Mich in dies Schloß verbannt.

Wie er mich behandelt -
Ach, trotz meinem heißen Flehn
Wie er mich verwandelt,
Habt Ihr selbst gesehn.
Einsam sollst du trauern,
Sprach er, denn dein Geiz ist's werth.
Man wird aus den Mauern
Vor dir fliehn mit Schauern!
Mit Ketten sei beschwert!

Aus der Macht des Bösen
Wird wohl niemand dich befrein;
Denn ich zu erlösen
Soll was Schweres sein.
Du sollst dich an Schätzen,
Weil du stolz und geizig bist,
Als Geripp' ergötzen,
Bis dich, ohn' Entsetzen,
Eins in die Arme schließt. ---

Edler Herr! Ihr dachtet
Männlich tapfer, mir zum Glück,
Griffet mich - und brachtet
Mich zur Welt zurück.
Ich bin Euch verbunden!
Aber, Lieber, sagt mir doch,
Wie Ihr mich gefunden,
Keine Furcht empfunden!
Bisher floh Jeder noch. -

Jetzt hebt sie vom Bodn
Unser Ritter, der sie küßt;
Und ganz außer Oden,
Sagt er, was ihr wißt.
Als der Morgen heller,
Zeigt das Fräulein Adelgund
Ihm im tiefen Keller
Große Schätz', und schneller
Küßt er ihr Hand und Mund.

Es bringt auf dem Rosse
Rüdiger von Siegen sie
Nach der Eltern Schlosse
Gleich in aller Früh.
Daß von Lieb' entglommen
Er war, und das Fräulein auch;
Daß sie ihn genommen,
Daß er sie bekommen,
Ist ja der Märchenbrauch.