Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Der Wassermann von

Der Wassermann

Schon streift die Erd' ihren Winterflor
Herab, zart grünet die Saat hervor,
Weiß öffnen die Blüthenäuglein die Sträuche
Und Windicht ergilbt schon am Bach und am Teiche.

Den Korb auf dem Haupte, das Kind an der Hand,
Geht da die Mutter zum Bachestrand.
Es hüpft ihr zur Seite mit nackten Füßen,
Will jubelnd jegliches Blümlein grüßen.

"Still," spricht die Mutter, "mein Liebes, gemach!
Die schönsten blühen dort unten am Bach.
Indeß ich spüle, magst du sie pflücken,
Und dich, wie ein Bräutlein, mit Kränzen schmücken.

Sieh' Veilchen und hellblauen Ehrenpreis
Und Waldanemonen, so zart und weiß.
Da stehn sie, und heben zur Sonne die Köpfchen,
Und Löwenzahn, strahlend wie goldne Knöpfchen."

Da jauchzet das Mägdlein und pflückt und pflückt,
Voll Eifer über den Bach gebückt;
Und freudig wird nun, was es gefunden,
In einen wechselnden Kranz gebunden.

Die Mutter emsiglich wäscht und spült,
Dieweil das Kind in den Blumen wühlt.
Es rauschen heut höher des Baches Wellen,
Geschwellt von den thauenden Bergesquellen.

Auf seiner Locken hellblonden Glanz
Drückt lächelnd das Kind nund den farbigen Kranz.
"Sieh, Mutter, so schmückten sie Nachbars Liese,
Als sie gegangen zum Paradiese."

"Nicht also, mein Holdes! So schmückt man die Braut,
Wird sie dem Mann, den sie liebt, getraut;
So wirst auch eines der Nachbarsbübchen
Du einst dir erkiesen zum trauten Liebchen."

Fort spült, die Mutter und weiter pflückt
Das Kind, bekränzt über'n Bach gebückt.
Sein Bild sah der Wassermann rosig und munter,
Da zog er es leise zu sich hinunter.

Fort spült die Mutter - auf einmal blickt
Sie hin nach dem Mägdlein - es ist ihr entrückt! -
Doch auf dem Platze, wo es verschwunden,
Schwimmt noch das Kränzlein, was es gebunden.