Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Maria und der Dornbusch von

Maria und der Dornbusch

Auf grünen Wiesen ging Marie,
Kein Blümchen leuchtend süß, wie sie,
Auch wollten alle Blümelein
Dem holden Kinde freundlich sein.
Vergißmeinnicht sprach: pflückst mich nicht?
Bin doch wie deiner Augen Licht!
Und Goldblum' sprach: dein golden Haar
Und ich, wie leuchten wir so klar!
Und Veilchen sprach: wie süßen Duft
Ich hauchen mag in ferne Luft,
Doch will kein Duft so lieblich sein,
Als deine Demuth mild und rein.
Und Quelle sprach: wär ich so klar
Wie deine Seele immerdar!
So freuten hold und inniglich
Die Blümlein und die Quelle sich.
Nur Dornbusch seufzt und spricht: wie mag
Ich nur so freudlos stehn am Hag!
Was liebend auch mein Arm erfaßt,
Das schilt mich doch nur rauhen Gast,
Mich schmückt nicht Farbe, Thau und Licht,
Du süßes Kind! mein denkst du nicht!
Ei, sprach Marie, da sie's vernahm,
Was soll dir doch der heiße Gram?
Meinst du, daß ich für schlecht dich halt',
Weil ernst und schmucklos die Gestalt?
O nein! wer weiß, was dir gewährt!
Manch dunkles Loos wird süß verklärt!
Und nun, mit kindisch regem Sinn,
Neigt sich Marie zur Quelle hin,
Und nimmet den Busenschleier fein,
Und taucht ihn in die Perlen ein,
Und legt ihn flink auf's grüne Gras,
Wie freut der süßen Last sich das!
Und wie nun sinnend ruht das Kind,
Da hebet sich ein Wirbelwind,
Der hascht zum Spiel das Busentuch,
Und trägt es fort im schnellen Flug;
Doch Dornbusch ragt die Zweig' behend,
Und faßt im Nu des Scheiers End',
Und hält es fest mit starker Hand,
Daß es Maria wiederfand.
Da sieht Marie den treuen Sinn,
Und blick zum Dornbusch freundlich hin,
Und von der Blicke Glanz berührt,
Im Dorn sich Leben quillend rührt,
Und purpurn, goldig sprießt's und weht -
Der Dornbusch voller Rosen steht.
Die leuchten, wie die Wangen klar,
Die duften, wie das goldne Haar;
Noch heut trägt er den Purpurschein,
Das mußt' Marienröslein sein!