Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Am Morgen von

Am Morgen

Das Morgenroth schwimmt still entlang
Den Wolkenocean;
Den Gliedern zart, mit Liebesdrang
Schmiegt sich die Wolke an.
Ihm folgt die Sonn' im Sphärenklang,
Ein rother Flammenkahn;
Ein lindes Rauschen grüßt den Tag,
Ist es ihr Ruderschlag?

Und es erwachen mit Gezisch
Die bunten Vögelein;
Sie strecken keck aus dem Gebüsch
Die Köpflein rund und klein,
Und rauschen in die Thauluft frisch
Die feinen Glieder ein;
Die Schnäblein üben sie zumal
IN Liedern ohne Zahl.

Und auch die Blumen senden früh
Den leisen Duft in's Land;
Um ihre Stirnen winden sie
Ein hell Juwelenhand.
Das Spinnlein selbst mit großer Müh'
Braucht die geübte Hand,
Es hat sein Netzlein reich gestrickt,
Mit Perlenreihn geschmückt.

Ich sinne, wem solch heitres Fest
Mag zubereitet sein?
Und wem zu Liebe läßt das Neset
Das treue Vögelein?
Da spricht zu mir der linde West
Mit seinem Stimmlein fein:
Bist du denn also hart und blind,
Du thöricht Menschenkind?

Was gehst du doch so stumm einher,
Wo Alles Jubel singt?
Was wandelst du so arm und leer,
Wo Alles Gabe bringt,
Daß selbst zu Gottes Lob und Ehr'
Vom Aug' der Erde dringt
Gar manche Thräne, daß sie ganz
Davon bedeckt mit Glanz?

Er ist es, den so minniglich
Das Lied der Vöglein trägt,
Dem mit Gesang so inniglich
Der Baum die Zweige regt,
Für den die Sonne rings um sich
Die Strahlenwimpel schlägt.
All Herz thut sich ihm freudig auf;
Wach'auf, wach' auf, wach' auf!