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Der Scheidende von

Der Scheidende

Da steh' ich hoch auf Bergeszinnen
Und schau' hinab im Abendstrahl,
Und seh' den Rhein vorüberrinnen
Zum letzten Mal, zum letzten Mal!

Von Fels zu Fels nicht mehr zu springen,
Wie's frei der Hirsch des Waldes thut,
Kein frisches Lied vom Strand zu singen
In's stolze Brausen seiner Fluth;

Nicht mehr des Kahnes weißen Flügel
Zu lenken durch des Dampfers Schaum,
Und dann im Schatten grüner Hügel
Vorbei zu treiben hörbar kaum -

Zu ruhn nicht mehr auf weichem Moose,
Umweht von rebenduft'gem Wind,
Und mit der schönsten wilden Rose
Zu schmücken dann ein holdes Kind -

Nicht süße Trauben mehr zu schneiden,
Wenn Herbstgesang vom Berge schallt -
O welches Leiden bringet Scheiden,
Das Leben flieht, das Herz wird alt!

Das Herz wird kalt! die Jugendlieder
Verwehen mit dem Jugendglück,
Und kehr' ich einst nach Jahren wieder:
Ich kehre so nicht mehr zurück!