Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Nachtleben von

Nachtleben

Viel Blumen sehn in's Tageslicht
So traumesstill hinein,
Als rührte sie der Frühling nicht
Mit allem Sonnenschein.

Doch in der Nacht erwachsen sie,
Die Seele strömt hinaus,
Haucht ihre eigne Poesie
In holden Düften aus.

Und kündet in dem linden Hauch,
Daß sie den Lenz verstand,
Daß sie das lichte Leben auch
Still liebte und empfand.

So wandelt schöne Tage lang
Der Dichter wie im Traum,
Als hörte er des Lebens Klang,
Die tausend Stimmen kaum.

Als blieb' von Lenz und Glück und Licht
Allein er unbewegt,
Alls würde seine Seele nicht
Zu Lieb' und Lust erregt.

Und doch - sein tiefes Herz erfaßt
Des Lebens ganze Pracht,
Und solche wonnevolle Last
Löst sich in stiller Nacht.

Da bebet durch die dunkle Ruh'
Sein Lied wie Blumenhauch,
Und ruft den Menschen selig zu:
Ich leb' und liebe auch!