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Stern und Wolke von

Stern und Wolke

Unruh' und Wünsche und bange Qual
Befeuchten den Schlummer; da noch einmal
Wandt' ich mein Auge dem Himmel zu.
Was es da schaute? O heil'ge Ruh',
Lächelnde Stille - all was mir fern,
Schaut' ich da oben im goldnen Stern,
Und von der Ruhe, die ihm entquoll,
Ward ich auch selber ganz ruhevoll,
Sprach: wie er droben, will ich auch still
Bleiben und warten, wo Gott es will!
Undin dem Herzen den milden Schein
Schlief ich zu träumen still selig ein.

Aber am Morgen schaute mein Aug'
Droben ein Wölkchen aus Rosenhauch,
Und wie es eilte im flücht'gen Lauf,
Weckt es mein Sehnen und Wünschen auf,
Schon war vergessen, was ich zur Nacht
Stille beim Grüßen des Sternes gedacht.
Weh, wessen ruhlos wechselnder Sinn
Zieht so mit Strahlen und Luft dahin!
Selig, wer innen den Willen trägt,
Der nicht die Wolken, den Stern befrägt,
Der uns geruhig durch Nacht und Tag
Leitet der Stimme des Herren nach!
Dann nicht verloren in Licht und Luft,
Dann nicht zerstoben in Morgenduft,
Sind wir - der Wolke, dem Sterne gleich -
Selber ein Etwas in Gottes Reich.