Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Die Freundschaft von

Die Freundschaft
1777

Wenn ein düstrer schwarzer Wolkenschleyer
Sich um unsre kranke Seele zieht,
Wenn der Gotteshauch ihr mächtig Feuer
Fast verlischt, und nur noch sterbend glüht;

Welche Gottheit wird sich dann erbarmen?
Welcher Genius wird Retter seyn?
Wer entreißt der Schwermuth Felsenarmen
Dann die Seele? Wer wird Retter seyn?

Ach dort kömmt mit lächelnder Geberde,
Mit dem ganzen Himmel im Gesicht,
Friedewinkend einer ganzen Erde,
Eine Göttin im Gewand von Licht.

In der Rechten eine goldne Schaale,
In der Linken eine Rosenkron,
Winket sie zu jenem stillen Thale:
Gute Göttinn, o ich folge schon!

Sage, wie die Himmlischen dich ehren?
Nenne deinen Götternamen mir,
Jede Morgenröthe soll ihn hören,
Jeder Abendstern ein Lied von dir.

Ah! schon reicht sie mir die volle Schaale,
Schon umschlingt mein Haar ein Blumenkranz,
Schon umleuchtet mich im stillen Thale
Ein gedämpfter Stral von ihrem Glanz.

Ja, nun weiß ich deinen holden Namen. -
Welch ein Nektar! welch ein Zaubertrank! -
Alle, die, o Freundschaft, zu dir kamen,
Trinken deinen Becher lebenslang;

Trinken Lust und seliges Vergessen
Aller Übel, aller ihrer Qual,
Trinken Muth, den Tartarus zu messen,
Schiffen froh zum Elisäer Thal.