Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Der Sturm von

Der Sturm
1779

Ach, wie rauscht des Sturmes Flügel schrecklich durch die bangen Fluren!
Ach, wie zittern sie, die Wälder! Tod ist hinter seinen Spuren.
Was er auf dem Wege findet, wird des raschen Würgers Raub.
Sieh, er faßt die hohen Eichen, kämpft und stürzt sie in den Staub.

Vor ihm bebt die bange Tiefe, ihm entfliehn des Meeres Wellen,
Thürmen furchtbar sich und schäumen, bis sie zu Gebirgen schwellen,
Deren Rücken in die Wolken Schiff und Schiffsbewohner hebt,
Und sie schnell zur Tiefe schleudert, und im Abgrund sie begräbt.

Bis zum Himmel haucht sein Odem - ach mit einem düstern Schleyer
Wird er bald sein Antlitz schwärzen, rauben bald der Sonne Feuer.
Sieh in eine Nacht von Wolken hüllt er ihren Lebensstral,
Gießt ein Meer von seinen Schwingen, und ersäuft das holde Thal.

Ach! das schwimmen Hütt' und Garten; es ertrinken Hirt und Heerde.
Würger, hast du kein Erbarmen? Eine Wüste wird die Erde. -
O laß ab! laß ab! wir flehen, wir bekennen deine Macht.
Laß die Sonn' uns wieder schauen; nimm sie von uns, diese Nacht!

Nahe sind wir dem Verderben - - doch wer rief dem wilden Sturme
Aus der heimlichen Behausung, wars nicht Gott? geziemt dem Wurme,
Den er Mensch heißt, wol zu richten über seines Schöpfers That? - -
O er lieg' im Staub' und schweige, und verehre seinen Rath.

Aber er, der ewig Gute, will es, daß wir selber lesen
In den Tiefen seiner Weisheit, und erkennen draus sein Wesen;
Darum liegt vor uns der Schöpfung hoher wundervoller Plan,
Strömt ein Quell dem Weisheitsfreunde, wo er täglich schöpfen kann.

Athmet rund um euch, und fühlet diese Lauterkeit der Lüfte.
Reiner tranken sie in Eden nicht der ersten Blumen Düfte,
Als sie nach dem Sturme wehen - Tod und Krankheit fliehn dahin:
Sagt, ob der entwölkte Äther je erquickender euch schien?

Wir, wir flehn oft das Verderben, und er giebt uns dafür Leben. -
Ruhig woll'n wir seinen Händen unser Schicksal übergeben,
Wollen in Gefahr nicht zagen - stärken soll sich unser Muth. -
Was von ihm, dem guten Vater, was von ihm kömmt, das ist gut.