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Der Tanz von

Der Tanz

Verlangend schaut ihr nach dem Hauptgezelt,
Aus dem euch jüngst Theano's Harfe klang,
Bezeichnet mit Vergißmeinnicht den Platz,
Und laßt dahinten, was euch sonst erfreut,
Laßt Scherz und Muthwill, eilet sanft und froh
Der Sängerin und ihrem Spiele nach. -

So liebt ihr denn, ihr Mädchen, liebt Gesang?
Nur schönen Seelen blüht ein Paradies
Wohin sie blicken; Harmonie entzückt.
Nur sanft Harmonische, nur sie allein:
O haltet ihr ein immer offnes Herz!

Kommt, führt die Sängerin, wohin ihr wollt:
So freudig folgtet ihr Theano: heut,
Wird euch Theano folgen; leitet sie.

Aufs neu' zum kleinen Rosenhain? - es sey!
Gebt an den Ton, solls Dur, solls Moll, und winkt,
Solls Allegretto, solls Andante seyn?
Ihr alle schweigt und horcht, und seyd ganz Ohr?
So sey, du Saitenspiel, ganz Harmonie
Und sing Agnetens holde Lieblichkeit.

Agneta.

Agneta wallt im Grünen,
Schon mit dem frühsten Morgenlicht,
Pflückt duftende Jasminen,
Pflückt Rosen und Vergißmeinnicht;

Pflückt Myrten sich zum Kranze
Und ringelt schön ihr blondes Haar
Und rüstet sich zum Tanze,
Zum Reigen in der Schwesterschaar. -

Agneta eilt zur Hütte
Und wählet sich ein grünes Band,
Und schmückt, nach Mädchensitte,
Sich mit schneeweißem Festgewand.

In heller Unschuld prangen
Agnetens kleiner Purpurmund,
Agnetens frische Wangen,
Wie ihre Rosen, roth und rund.

In heller Unschuld lächelt
Der unbefangne, freye Blick,
Und süße Ahndung fächelt
Sie mit dem Traum von nahen Glück.

Agneta, du Erkohrne!
Du seligste im ganzen Land!
Gab nicht der best gebohrne,
Gab nicht Arist dir Herz und Hand?

Oft wallte sie zum Haine
Vom trauten kleinen Mutterherd,
Da fragt sie sich alleine:
Bin ich des besten Jünglings werth?

Da opfert sie im Stillen
Dem besten Jüngling manch Gelübd:
O dürftest du's erfüllen!
O wär' dein Himmel ungetrübt!

Oft röthet sich der Morgen
Mit Rosenlichte schön und mild,
Und südwärts lauscht verborgen
Der Tod in Wetternacht gehüllt.

Agneta schwebt zum Reigen
An ihres trauten Jünglings Arm,
Und alle Jungfrau'n schweigen,
Es schweigt der süßen Gecken Schwarm.

Kaum wagt sich leises Flüstern,
Kaum wagt sich ein verstohlnes Ach!
Und alle schaun sie lüstern,
Dem Glück der Unschuld sinnend nach.

Jetzt seufzen Harf' und Flöten,
Jetzt wirbeln Geigen durch den Saal,
Jetzt führt Arist Agneten:
Sie schwebt daher, leicht wie ein Strahl.

Ihr flinken Mädchen! schauet,
Schaut an Agnetens Menuet:
Und die sich selbst vertrauet,
Die tanz' ihr nach ihr Menuet. -

Die raschen Mädchen beben
Und keine tanzt ihr nach den Tanz;
Sie sehn ihr leises Schweben:
Kaum regt sich ihrer Locke Kranz. -

Nun schweigen Harf' und Flöten,
Der Britten heißer Tanz beginnt;
Jetzt wagt sich mit Agneten
Manch braunes und manch blondes Kind -

Es formt sich die Kolonne,
Es dreht sich wirbelnd Paar an Paar,
Und der Jungfrauen Krone
Verliert sich in der raschen Schaar.

Sie wirbelt auf und nieder,
Sie dreht sich rastlos durch die Nacht,
Bis schon der Morgen wieder
Auf die bethauten Fluren lacht.

Agneta, halb verschmachtet,
Vom Feuerdurste halb verzehrt,
Sieht kühlen Trank - und achtet
Des Tod's im Becher nicht - und - leert -

Und ach! und ach! es fallen
Die Blüthen ihrer Wangen ab;
Sie welkt dahin; - es wallen
Die Jungfrau'n an ihr offnes Grab,

Und sehen sie versenken,
Zerpflücken stumm der Locke Kranz,
Und kehren um, und denken
Mit stillem Ernst an raschen Tanz.

Arist ward noch gesehen
Drey Tage lang vom Hügel her,
Wo frische Kränze wehen;
Dann floh er übers ferne Meer.