Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Das Gewitter von

Das Gewitter

Schwer athmet ihr; euch drückt die Zentnerlast
Der schwülen Luft: ihr tragt sie länger nicht?

O schaut! es schmachtet rings um die Natur!
Verstummend schwebt der Vögel mattes Chor,
Sucht unstät flatternd Kühlung hier und dort,
Die Herd' im Felde schmachtet ängstiglich,
Es windet sich der Wurm im dürren Gras.
Und auch kein Lüftchen regt das welke Laub;
Die ewig rege Pappel selber schweigt
Bis in dem höchsten Wipfel, flüstert uns
Kein Wörtchen des geheimen Zaubers mehr.
Versiegelt ist des Segens ew'ger Born;
Kein Tröpfchen labt den dürren Boden mehr;
Und, aufgelöst in Asch' und öden Staub,
Scheint bang und stumm und zagend die Natur. -

Doch jetzt thürmt sich in Süden ein Gewölk
Voll Mitternacht mit silberweißem Saum;
Willkommen, segenvolle Mitternacht,
Mit allen Blitzen, allen Donnern mir!
Und trügst du meinen Tod im Busen auch;
Willkommen! Ist nicht Tod auch Segen dem,
Der's weiß, daß er an seines Vaters Hand
Von Stern zu Stern, von Welt zu Welten eilt? -

Wie strömt's herauf! wie schwärzt der Horizont
Sich nächtlicher in jeglichem Moment!
Wie schrecklich still, wie schwebend zieht es her,
Und preßt uns ängstlicher die schwere Brust!
Jetzt wacht er auf, der ach! so schauervoll
In drohender furchtbarer Stille schlief -
Er macht sich auf, der allgewaltige,
Der wilde Sturm; er braust, er fliegt daher;
Er faßt der alten Eiche kahles Haupt,
Er schüttelt Buch' und Ahorn bis ins Mark,
Er beugt, er bricht, er splittert rings umher.
Er tobt und wühlet wild im wüsten Staub,
Und treibt die graue Wolke himmelan,
Und schleudert wirbelnd sie zur Erd' herab.
Jetzt leihet er dem donnernden Gewölk
Die Flügel: sieh! da schwebt es drohend schon
Uns überm Haupte - Blitz auf Blitz, und Schlag
Auf Schlag entströmet seinem schwarzen Schooß,
Und jetzt - Geschmetter und Geprassel; jetzt
Eröffnet aus dem Dunkel sich ein Schlund
Und schleudert einen Feuerball'n herab. -
So nah, o Tod! und doch vorüber mir?
Der Freund an meiner Seite beugte sich
Dem schrecklich Nahen, und o Glück! er steht! -
O Wonn'! es stehen alle Lieben noch
Und sehn den Dräuenden vorüber ziehn!
Ja, ja, sie lebt, der Mädchen holde Schaar. -
O Seligkeit! sie jubeln all' um mich.
Erhalten sind sie alle, allesammt,
Die Vaterlieb' und Mutterzärtlichkeit
(Ihr theures höchstes Kleinod) mir vertraut!
Und unsre schön umlaubte Hütte steht,
Und unser grüner Freudentempel lacht. -

Doch schaut! da drüben zündete der Ball'n,
Da flammt's, da traf's, da dampft' es himmelan;
Da hat er sich ein Opfer ausersehn. -
Und konntest du nicht schonen? Himmlischer!
Und konntest du der kleinen Hütte dort,
Du Pfeil der Wolke, nicht vorbey? Wohlan!
So sey, o sey ein Segensengel doch,
So wecke du das Flämmchen Menschlichkeit,
Und fach' es schnell zur lichten Flamme an,
Daß Herz und Hand mit Hülf' und Troste schnell
Ersetze, was der rasche Bote nahm,
Was Flamm' und Gluth im Nu dahin gerafft. -
O wenn nicht Feuers - und nicht Wassersdrang,
Wenn Krankheit nicht und Mangel nicht und Noth
Und bange Seelenleiden nicht (ein Band
Der Bruderliebe und der Schwestertreu')
An Menschen Menschen knüpften, nicht
Des Mitgefühles Quellen frisch und rein
Erhielten; ach! wo bliebest du,
Du Himmlische, die uns von oben her
Zur treusten Pilgerfreundin zugesellt?
Auf Dornenpfaden wandelst du einher,
Am Labyrinth des Elends weilest du,
Mit der Betrachtung tiefem ernstem Blick;
Doch kämpfest du, daß muthlos dich der Blick
Ins grause Labyrinth nicht mache; daß
Dir Kraft noch bleibe, Ungemach und Noth
In Segen zu verwandeln und in Heil.

Und so, ihr Lieben, so gebieten uns
Des Himmels Mächte freundlich lehrend selbst.
Denn schaut nur, schaut, aus schwarzer Wolke Schooß
Strömt Fruchtbarkeit und Kühlung und Gedeihn
In silberhellen Strömen uns herab. -
O seht! wie durstig sie die Erde trinkt,
Die milden Ströme, wie sie sich erquickt,
Wie neu gebohren das Verschmachtete
Sein Haupt zum ew'gen Segensquell erhebt!
Ein neuer Lenz entblühet unter ihm.
Deß jubelt in getränkten Büschen laut
Der kleinen Sänger süßes Freudenchor,
Und zu des Himmels Strahlenbogen strebt
Ein heller Hymnus neu beflügelt auf,
Vom fernen Donner hoch accompagniert -
Und in der leichten Wolke zuckt der Blitz
Und schlängelt spielend sich am Horizont.
Bald thut ein bunt gestaltetes Gewölk sich auf,
Enthüllet uns des Himmels Schachten tief,
Und läßt im Nu des Blitzes Werkstatt schaun,
Und schließt im Nu geheimnißvoll den Schooß,
Und träufelt Segen über Segen uns,
Gießt uns Erquickung auf Erquickung zu.
Stimmt an, ihr Jungfrau'n! stimmet an das Chor,
Vereinet euch zum Hymnus der Natur,
Und singet ihm, der aus der Wolke Nacht
Die hellen Segensströme nieder gießt.

Erstes Chor.

Allliebender! der in der Wolke Schooß
Des Lebens Quellen uns erschuf;
Allsegnender! der sie hierunter goß,
Wir hören deiner Allmacht Ruf.
Es jubelt die Natur in lauten Donnerschlägen,
Sie preiset dich im linden Wehn,
Sie preist laut rauschend dich im hellen Regen,
Verkündet säuselnd dein Vorübergehn.

Zweytes Chor.

Allliebender! dir tönet laut
Der Sphären Hymnus - doch vertraut
Hast du dem Liebling der Natur,
Hast du der Menschenseele nur
Den Reichthum deiner Vaterliebe. -
Dir töne denn, Allliebender!
Des Herzens Psalter herrlicher,
Ein Hymnus sey dir unser Leben.