Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Trost=Getichte An unser Fretow von

Trost=Getichte An unser Fretow

Hört / hört / ihr Scheffer hört / hört doch ihr Schäfferinnen /
Ihr Nimphen überall / ihr klugen Neun Göttinnen /
Ihr Parcen / die ihr uns den LebensFaden spint /
Ihr zarten Gratien / du blindes Venus Kind /
verleyt doch heut das Ohr / hört unser Fretow singen /
Von Elend / Ach und Weh / von nichts als trüben Dingen!
Mein Fretow / da doch vor die Frewde wohnen pflagk /
Fühlt all das Unglück itzt das Unglück heissen magk.
Ach (spricht es) lieber Gott / wie bin ich itzt verlassen /
Sieh einer Wittwen gleich / bin leer auff allen Gassen!
Mein Leidt ist gar zu groß / und wirt fast täglich new /
Ich hab es nicht verdient / mein gantzes Thun ist Trew.
Der nimmersatte Todt steht mir zu einer Seiten /
Mars zeigt sein rohtes Schwert / wil gleichfals mit mir streiten /
Denckt nicht mehr an die Zeit / und an den lieben Tagk /
Da er hier Waffenlooß mit Venus buhlen pflagk.
Mein Feldt / mein schönes Feldt hat diß Jahr schlecht getragen /
Ein ander frist mein Brott / mein Obst wirt abgeschlagen /
Und ist kaum reif genug / mein Vieh wirt abgethan /
Die Schaffe sint zerstrewt / und gehn auf frembder Bahn.
Der Neidt / mein ergster Feind / lacht über mein Elende /
Mein Leidt gebiert ihm Lust / er klopffet in die Hände /
Und frewt sich meiner Nott / er kompt auff meinen Sandt /
Weil Clio hier nicht ist / die sonst ihn überwandt
Durch ihrer Pfeiffen Thon; die jenen sint vertrieben /
Durch Krieg und Kriegsgeschreih / die mich von Hertzen lieben.
Das ist mein hochstes Weh / das plaget meinen Sin;
Und macht / das ich kaum mehr das alte Fretow bin.
Wor ist der Freunde Schar? wo sindt die schönen Lieder?
Wan kompt die süsse Nacht / der Freunde Zweck mahl wieder?
Wo bleibt itzt Coridon? wo sint die zarten drey?
Wo bleibt / wo bleibt mein Volck? wo sint die liben zwey?
Die Zeugen meiner Lust / die billig sint zu preisen /
Weil ihrer Freundtschafft Bandt viel fester helt als Eysen /
Und Ewig halten wirt! was hör ich aber heut?
Dis Pahr / dis liebe Pahr ist wegk zu ziehn bereit.
Und von ein ander zwar / doch schwer ich bei den Quellen /
Bei den mein süsses Volck den Tantz pflagk anzustellen;
Ich schwer bei Sonn und Mon / es will mir gantz nicht ein /
Das sie noch lebendich und doch getrennet sein.
Doch ist es ein mahl wahr / drümb kan ich leichtlich schliessen /
Wie meine Galate / wie Lybis wirt vergiessen
Der Zehren klahres Nas: Gedenck ich ihrer Trew /
So wirt mein häuffigs Leidt noch allzeit mehr und new.
Mich jammert ihrer sehr / es ist das höchste Leiden /
Wie manches Hertze sagt / sich lieben und sich scheiden:
Drüm schwer ich noch einmahl / es wil mir gantz nicht ein /
Das sie noch lebendig / und doch getrennet sein.
Wer einen Freundt erkiest / der kan ihn nicht verlassen /
Ohn höchste Traurigkeit / sonst heist sein Lieben hassen:
Wer einen Freundt verlest / ist übel gnug daran /
Und hat sich tausentmahl versucht was Unglück kan.
Mich hat mein liebes Volck zwar itzundt gantz verlassen /
Doch mit dem Hertzen nicht / das macht / mich will ümbfassen
Des Winters rauwer Arm / sein dickes wollen Kleidt /
Der Schne / und dessen Freundt / der Frost / gebiert mein Leidt.
Die Vögel hören auff so schön zu tyrelieren /
Man sihet der Scheffer Schar nicht mehr ins Felt spatziren /
Die Schaffe gehn zu Stall / mein grünes Gras wirt weis /
Der Frülingk sieht sein Grab / und ist ein alter Greiß.
Allein die Musen nur die künnen sich belauben /
Und mit der Daphnen Har ihr zartes Haupt behauben /
Ihn thut der Winter nichts / ihr Helicon bleibt grün /
Der Frost kan ihren Ort auch nicht zusahmen ziehn.
Das wahr das Klaggeschreih / das Fretow da getrieben /
Ich / die ichs Tagk und Nacht für diesem pflagk zu lieben /
Und lieb es heute noch / ich hörte dis Geschrey /
Und stund ihm / wie vorhin / mit Raht und Troste bei.
Ich sagte: Sei gegrüst / du Zir und Preiß der Welder /
Du Wohnplatz aller Lust / du Königin der Felder!
Du lieblichs warmes Quell sei auch gegrüst von mir /
Und von der gantzen Schar / die nechst wahr fröhlich hir!
Wisch ab der Zähren Bach von deinen bleichen Wangen /
Eß ist genung / das wir mit Unglück sint umbfangen /
Laß von dem weinen ab / ich weiß woher es rürt /
Das uns des Unglücks Handt an seinen Reyen fürt.
Als negst der Scheffer Schar begierig war zu spielen /
Und deine Kinder hier ins Grüne nieder fielen /
Die Clio pfeifft' uns vor / Pan mit der Feldtschalmey /
Und Orpheus Seitenspiel war damahls mit dabei.
Die Götter sahen all von ihrem hohen Sahle /
Auff unser Frewdenfest / in disem tieffen Thale /
Biß endtlich Venus selbst die Tauben ließ herab /
Und ihren lieben Sohn uns zur Gesellschafft gab.
Die Ceres war bereit uns einen Krantz zu geben
Von ihrer Ehren Zier / davon wir Menschen leben /
Der Schwestern kluge Schar kam gleichfalls zu uns ein /
Und Phebus ließ es uns zu Ehren warme sein:
Neptunus kam hervor auß seiner nassen Hütten /
Und ließ uns ingesampt auff seine Wohnung bitten /
Es ließ auch Aeolus den warmen Westwind looß /
Und Thetis nam uns sanfft in ihren zarten Schooß.
Der grosse Jupiter geboth den Donnerkeilen /
Und all dem HimmelsNas uns da nicht zu ereilen /
Auch seine Juno selbst sah unsre Seefahrt an /
Bis uns Neptunus ließ von seiner nassen Bahn.
Da gieng der eine hier / der ander dort spatzieren /
Der Scheffer ließ sein Vieh zur Speiß und Weide füren /
Ich Clio / Galate / und dann noch andre drey
Verfügten uns ins Felt / und bei den grünen Mei /
Da kam ein Unvernunfft / der noch nicht mehr gesehen /
Als seiner Mutter Hauß / von fernen zu uns gehen /
Blieb / als er uns gesehn / wie gleichsam gantz erstarrt /
Und war auff unsre Lust fast gantz und gahr vernarrt.
Wir / als wir letzlich noch mit ihm zu reden kahmen /
Verehrten ihm so balt den süssen Schwieger Nahmen /
Und fürten ihn mit uns zu unser Compagney /
Da hörte dieser Klotz der Musen Melodey:
Er sah die Freunde stehn / er sah die Schwager sitzen /
Er sah den Helicon / er sah Parnassus spitzen /
Er sah des Himmels Dach wie gleichsahm offen stehn /
Er sah biß an den Bauch das Vieh im Grase gehn:
Er sah der Bluhmen Zier der Erden Rund bemahlen /
Er sah den Palast stehn / sampt seinen schönen Sahlen /
Und fuhr aus Unbedacht / mit grober Stim herauß:
Diß ist der Himmel selbst / diß ist der Götter Hauß!
Da ließ uns Jupiter durch seinen Botten sagen:
Er könt ein solches Wort im Grunde nicht vertragen.
Ey / sprach Mercurius / das ist ein grosser Hohn /
Wer mit den Göttern schimpfft / erlanget bösen Lohn;
Unbillig lobt man nicht die Gaben dieser Erden /
Doch das / was oben ist / muß mehr gelobet werden:
Ich schwere bei der Nacht und bei des Tages Schein /
Die Götter lassen diß nicht ungerochen sein.
Daher kompt nun die Noth / die uns itzt hat betroffen /
Jedoch so wollen wir noch beßre Zeiten hoffen /
Und fallen darümb nicht in höchste Ungedult /
Wir haben doppelt diß verdient mit vnser Schuldt.
Die Edle Poesey wirt unser Unglück zwingen /
Und selbst den bleichen Neid von unsern Grentzen bringen /
Hat uns der grimme Mars zwahr weit und breit berückt /
So ist die Leyer doch nicht gäntzlich unterdrückt.
Der Feder kluges Safft und unsrer Freundtschafft Gaben /
Die werden letzlich doch die Uberwindung haben.
Wir sint zwar itzt ümbringt mit mehr als grosser Not /
Doch schlegt die Leyer noch den Todt zu letzte Tott.
Ließ sich doch Pluto selbst / der Höllen Gott / erweichen
Durch Orpheus Seitenspihl / ihm willig darzu reichen
Sein liebes Ehgemahl / das doch in Plutons Reich /
Und seiner schwartzen Klufft / den Geistern wahr geleich?
Als Orpheus hat gespielt / sint nicht der Felsen hauffen /
Ist nicht Hirsch / Hind / und Schwein ihm häuffig zugelauffen?
Hat nicht der Leyer Krafft so manchen Man bewegt?
Wolan sie hilfft uns auch / so balt nur Clio regt
Der Lauten süsse Stim; Ich selbst wil mit ihr singen /
So lest der Himmel dann sich zur Versöhnung bringen.
Mein Fretow sei getrost! dein Lob soll ewig stehn /
Wenn Krieg / wenn Neit / wenn Tott selb selbst wirt untergehn.
Fort Phebus / geh doch fort / laß balt den Sommer kommen!
O Mars / gieb wieder her / was du uns hast genommen!
Und Flora bring herfür der Bluhmen schöne Schar!
Pomona nimb die Beum in deinem Garten wahr!
Ihr Stunden laufft doch fort! was wolt ihr stille stehen?
Fort / fort du faule Zeit / laß deine Flügel sehen /
Bring wieder unsre Lust / setz unser Landt in Ruh /
Und wan wir frölich sein / so geh den langsahm zu!
Mein Fretow sey getrost! befiel nur deinen Knechten /
Das sie hir Bänck und Stühl mit grünen Mey beflechten!
Ihr Mägde strewt nur Graß / und macht den Boden rein!
Wir wollen (wil nur Gott) balt wiedrüm frölich sein.