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Ein Wiegenlied von

Ein Wiegenlied
Am 21. December 1800

Schlaf, Söhnchen, schlaf! sieh, um uns her ists stille;
Kein Mensch mehr wacht;
Und alles deckt mit ihrer Schattenhülle
Die dunkle Nacht;
Und alles freut sich jetzt der süßen Ruh:
Drum schlafe, mein Söhnchen! auch du.

Schlaf, Söhnchen, schlaf! am frohen Kindheitsmorgen
Schläft sich's so schön;
Da stört uns nichts, nicht Arbeit, und nicht Sorgen;
Und lächelnd sehn
Wir jeden Tag vorüber hüpfen; nun!
Wer wollte da nicht gern ruhn? -

Schlaf, Söhnchen, schlaf! im Schlafe weicht der Kummer
Von uns zurück;
Ihn kennt noch nicht dein zartes Herz; im Schlummer
Träumt's nur von Glück;
Drum schlafe, mein Söhnchen, schlafe nur ein!
Wie wohl wird im Schlafe dir seyn!

Schlaf, Söhnchen, schlaf! im holden Rosenkleide
Schwebt sanft um dich
Der Unschuld Engel, und mit ihm die Freude,
Die gerne sich
An sein Gewand mit holder Anmuth schmiegt,
Und Kinder im Schlummer einwiegt.

Schlaf, Söhnchen, schlaf! es darf zu deiner Wiegen
Kein Schreck sich nahn;
O wer wie du, so sanft, so sicher liegen,
Und schlummern kann,
Ist glücklicher, als je ein Fürst kann seyn;
Drum schlafe, mein Söhnchen, nur ein!

Schlaf, Söhnchen, schlaf! bis uns zu neuem Segen
Die Sonne lacht;
Froh rufen wirs einander dann entgegen,
Daß Karlchen wacht;
Und jedes eilt, zuerst bei dir zu seyn;
Drum schlafe nur, Söhnchen! jetzt ein!