Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Nach dem Angelus Silesius von

Nach dem Angelus Silesius

Des Menschen Seele du, vor allem wunderbar,
Du Alles und auch Nichts, Gott, Priester und Altar,
Kein Pünktchen durch dich selbst, doch über alles
Maß
Reich in geschenktem Gut, und als die Engel baß;
Denn höher steht dein Ziel, Gott ähnlich sollst du
werden;
So, Seele, bist du's schon; denn was zu Glück und
Ruhm
In dir verborgen liegt, es ist dein Eigentum,
Ob unentwickelt auch, wie's Keimlein in der Erden
Nicht minder als der Baum, und wie als Million
Nichts andres ist die Eins, bist du ihm gleich, sein
Sohn,
So wie dem Tropfen Blut, der aus der Wunde quillt
Ganz ähnlich ist das Rot, das noch die Adern füllt;
Nicht Kletten trägt die Ros', der Dornstrauch keine
Reben,
Drum, Seele, stürbest du, Gott müßt den Geist
aufgeben.

Ja, alles ist in dir was nur das Weltall beut,
Der Himmel und die Höll', Gericht und Ewigkeit,
Gott ist dein Richter nicht, du mußt dir selbst
verzeihn,
Sonst an des Höchsten Thron stehst du in ew'ger
Pein;
Er, der dem Suchenden noch nie verlöscht die Spur,
Er hat selbst Satan nicht verdammt nach Zeit und Ort;
Des unergründlich Grab ist seine Ichheit nur:
Wär' er des Himmels Herr, er brennte ewig fort,
Wie Gott im Höllenpfuhl wär selig für und für,
Und, Seele, bist du treu, so steht dies auch bei dir.

Also ist deine Macht auch heute schon dein eigen,
Du kannst, so oft du willst, die Himmelsleiter steigen;
Ort, Raum, sind Worte nur von Trägheit ausgedacht,
Die nicht Bedürfnis in dein Wörterbuch gebracht.
Dein Aug' ist Blitz und Nu, dein Flug bedarf nicht
Zeit,
Und im Moment ergreifst du Gott und Ewigkeit;
Allein der Sinne Schrift, die mußt du dunkel nennen,
Da dir das Werkzeug fehlt die Lettern zu erkennen;
Nur Geist'ges faßt der Geist, ihm ist der Leib zu
schwer,
Du schmeckst, du fühlst, du riechst, und weißt um gar
nichts mehr;
Hat nicht vom Tröpfchen Tau die Eigenschaft zu
messen
Jahrtausende der Mensch vergebens sich vermessen?
Drum, plagt dich Irdisches, du hast es selbst bestellt,
Viel näher als dein Kleid ist dir die Geisterwelt!

Faßt's nicht zuweilen dich, als müßtest in der Tat
Du über dich hinaus, das Ganze zu durchdringen,
Wie jener Philosoph um einen Punkt nur bat,
Um dann der Erde Ball aus seiner Bahn zu
schwingen?
Fühlst du in Demut so, in Liebesflammen rein,
Dann ist's der Schöpfung Mark, laß dir nicht leide
sein!
Dann fühlst du dich von Gott als Wesenheit
begründet,
Wie Quelle an dem Strand, wo Ozean sich ründet.

So sei denn freudig, Geist, da nichts mag größer sein,
So wirf dich in den Staub, da nichts wie du so klein!
Du Würmchen in dir selbst, doch reich durch Gottes
Hort,
So schlummre, schlummre nur, mein Seelchen,
schlummre fort!
Was rennst, was mühst du dich zu mehren deine Tat?
Halt nur den Acker rein, dann sprieße von selbst die
Saat;
In Ruhe wohnt die Kraft, du mußt nur ruhig sein,
Durch offne Tür und Tor die Gnade lassen ein;
Dann wird aus lockerm Grund dir Myrt' und Balsam
steigen,
Er kömmt, er kömmt, dein Lieb, gibt sich der Braue
zu eigen,
Mit sich der Krone Glanz, mit sich der Schlösser
Pracht,
Um die sie nicht gefreit, an die sie nicht gedacht!