Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Erste Liebe von

Erste Liebe

Wie sie mich alle betrachten!
Wie sie mich alle besehn!
Denken und ahnen wohl alle,
Was doch so stille geschehn!" -
Die Sonntagsglocken läuten
Und locken feierlich.
Die Sonne scheint. Die Schöpfung
Sonntäglich schmücket sich.
Im Herzen Feierfreude,
Geht Jung und Alt hinaus -
Wandert mit müß'gem Schritte
Den Weg zum Gotteshaus.

"Doch käm er nun gegangen,
Glaub', daß erröten ich müßt'.
Hätt' ich nur erst es gestanden -
Wenn es die Mutter nur wüßt'! -
Ging ich mit ihm dann zur Kirche,
Schmiegt' mich an ihn heran:
Die Leute alle schauten
Uns wohl verwundert an!" -
Es strahlt ihr blaues Auge,
Die Wange färbt sich leis; -
Der Busen hebt sich selig,
So leicht und doch so heiß.

"Wie werden alle mich grüßen!
Schon hör' ich reden sie laut:
"Denk' nur - er hat's ihr gestanden,
Sie ist die glückliche Braut!"" -
Und sieh', es bleiben schüchtern
Die Burschen alle stehn
Und wagen kaum ihr kühnlich
Ins schöne Aug' zu sehn!
Sonst toben sie und jauchzen
Selbst nach der Kirche hin -
Doch stets - kommt sie gegangen -
Wird still ihr wilder Sinn.

"Wie sie mich alle betrachten,
Wie sie mich alle besehn!
Denken und ahnen wohl alle,
Was doch so stille geschehn!" -
Nun tritt sie in die Kirche,
Auch hier beschaut man sie; -
Sie denkt an ihn und sinket
Errötend auf die Knie.
Darf sie's? Nur ein Gedanke
Beweget ihren Sinn;
Nie betete sie tiefer -
Sie betet mit für ihn.