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Gottes Grösse von

Gottes Grösse

1.
Zirckel, den kein Mensch mit Worten,
Und kein Geist durch Dencken, misst,
Dessen Mittel aller Orten,
Dessen Umkreis nirgends ist!
Geist, der Geistern, Geist und Leben,
Kraft und Herrlichkeit gegeben:
Durch die Grösse wird Dein Stand
Kund zwar, doch auch unbekannt.

2.
Du, als der Unwandelbare,
Legest keine Zeit zurück.
Deine Stunden, Tag' und Jahre,
Sind ein steter Augenblick.
GOTT, vor dem beständig stehet,
Was entsteht, und was vergehet!
Quell der grauen Ewigkeit,
Ewigs Itzt, beständigs Heut!

3.
Auch der klüg'sten Geister Schrancken,
Sind zu eng, zu kurtz ihr Ziel.
Den geschärfetesten Gedancken
Ist ein Nichts schon viel zu viel:
Wer will sich denn träumen lassen,
Ein unendlichs All zu fassen,
Das, was Erd' und Himmel hegt,
In sich selbst begreift und trägt?

4.
Wenn nun meine Seele spüret,
Daß, nebst der Gedancken Heer,
Sie sich selbst in GOTT verliehret,
Wie ein Tropfen in dem Meer;
So soll mir, zu Deinen Ehren,
Dein Geschöpf die Gröss' erklären.
Jede Deine Creatur
Zeiget Deiner Grösse Spur.

5.
Seh' ich dort ein Sternchen strahlen,
Und erwege, wie sein Schein
Meistens pflegt viel hundert mahlen
Grösser, als die Welt, zu seyn;
Seh' ich, wie ein and'rer blitzet,
Der beym ersten nahe sitzet;
So gedenck' ich, wer wohl misst,
Welch ein Raum dazwischen ist?

6.
Wenn ich dann weiter gehe,
Und auf einen dritten Stern
Mein erstauntes Auge drehe,
Der vom ersten etwas fern,
Und erwege drauf die Breite,
Gröss' und ungeheure Weite
Dieses Orts; so kömmt mir ein;
Kein Platz könne grösser seyn.

7.
Wenn ich aber endlich dencke,
Was der Süd- und Norder-Pol
Wohl für einen Raum verschrencke,
Und was dieser Abgrund wohl
Für ein Sternen-Heer bedecke;
So erstaun' ich, zittr', erschrecke.
Mein so gar verschlung'ner Sinn
Weis nicht, ob und was ich bin.

8.
Hat ein Geist so ferne Schrancken;
Ist ein menschlichs Hertz so kühn;
Durch den Raum, nur in Gedancken,
Eine Linie zu ziehn,
Und ihm bliebe dennoch drüber,
Eine Kraft zu dencken über;
Der erwege GOTT zum Preis,
Einmahl dieses Durchschnitts Kreis.

9.
Ja, was grössers noch zu weisen,
Wie ist doch ein Kreis so klein,
Bey den Millionen Kreisen,
Die an solcher Ründe seyn,
Was gleicht solcher Kugel Dichte,
Fläche, Festigkeit, Gewichte!
Nun denckt an den Brunn des Lichts,
Gegen den dieß alles nichts!

10.
Sollt' ein gantzes Rund der Erden,
HERR, durch deine Wunder-Hand,
Aus jedwedem Stäubchen werden,
Und aus jedem Körnchen Sand:
Wär' ein Keris, von solcher Grösse,
Der sie all' in sich beschlösse;
Würd' er gegen GOTT doch klein,
Und nicht einst ein Stäubchen seyn.

11.
Sollte gar von solchen Erden,
Auch der allerklein'ste Staub
Zu viel tausend Nullen werden,
Und zu Zahlen jedes Laub;
Ueberstiege doch vielmahlen
Gottes Grösse diese Zahlen,
Ja selbst dieser Zahlen Heer,
Wenns in sich verdoppelt wär'.

12.
Nur des HERRN Vollkommenheiten,
Wobey auch die finstre Zahl
Ewiger Unendlichkeiten
Nicht die erste Zahl einmahl,
Uebersteigen so die Schrancken
Mensch- und Englischer Gedancken,
Daß, was aller Schärfe denckt,
Sich, wie nichts, in Ihn versenckt.

13.
Der Verstandes Aug' erblindet,
Weil bey Gottes Majestät
Alles Endliche verschwindet,
Aller Zahlen Zahl vergeht;
Alle Länge, Tief' und Weite,
Alle Höhe, Gröss' und Breite,
Wird nicht enge, flach noch klein,
Hört gar auf ein Maaß zu seyn.

14.
Zitt're denn, o mein Gemüthe!
Aber nein, erzitt're nicht!
Diese Gröss' ist nichts, als Güte,
Dieser Glantz ein Gnaden-Licht.
Zärtlichkeit und Neigungs-Triebe,
Sanftmuth, Huld, Geduld und Liebe,
Sind des Schöpfers Eigenschaft,
Und die Wirckung seiner Kraft.