Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Gottes Grösse in den Wassern von

Gottes Grösse in den Wassern

Ich habe zwar bereits vom Wasser was geschrieben;
Doch ist nur gar zu viel davon noch übrig blieben,
Das nicht berühret war:
Drum stellt die Fluth sich mir aufs neu' zum Vorwurf dar,
Die ihres Schöpfers Gröss' in ihrer Grösse weiset,
Und Dessen Wunder-Macht in jedem Tropfen preiset.

Ach GOTT! unendlichs ALL, Du Brunnquell aller Dinge,
Gib, daß ich noch einmahl, was Dir gefällig, singe
Vom feuchten Element! Es sey, o GOTT, das Meer
Ein Spiegel abermahl von Deiner Gröss' und Ehr!

Wie wunderbarlich weit, wie unbegreiflich groß,
Wie unergründlich tief ist doch des Meeres Schooß!
Wie dunckel ist sein Schlund! Wie flüssig und wie dichte
Die rege Wasser-Welt! Wie schwer ist das Gewichte
Des Wasser-Cörpers doch! Was ist dem weiten Reich
Der ungemeßnen Tief' an Weit' und Grösse gleich?
Mir schwindelt recht, wenn ich es überdencke,
Und in den finstern Pfuhl, in dieses Abgrunds Gruft
Den gantz erstaunten Geist, die bange Seele, sencke.
Mich schreckt von dieser schwartzen Kluft
Die unbegreifliche Gestalt: Der Fluthen Brausen
Erreg't mir, ob ichs gleich nicht hör', ein furchtbar Grausen.

Stell' ich in dieser Tiefe mir
Die Höhe, nebst der Form von einer Insel für,
Die aus dem Meere sich entdecket,
Doch unten sich bis auf den Grund erstrecket,
Die, wenn wir uns das hohle Meer,
Von seinen Fluthen leer,
Vor Augen stellen könnten,
Wir ja mit Recht Gebürge nennten;
Mein Gott, welch eine Felsen-Welt
Wird unserm Geist aufs neue vorgestellt.
Wie so entsetzlich schrof und jähe müssen nicht,
Dem sie erblickenden Gesicht,
Die Tiefen seyn von diesen Felsen-Höhen,
Die so entsetzlich tief gewurtzelt stehen.

Wie viele Wunder-Thier' und grosser Wallfisch' Heere
Sind in dem unbegräntzt- und Boden-losen Meere!
Wie sonderbar formirt, wie seltsam an Gestalt,
Wie ungeheur an Gröss' und schrecklich an Figur
Muß manch' entsetzlich fremd' und wilde Creatur
Sich in des feuchten Pfuhls fast Boden-losen Gründen,
Und unter wunderlich gekrümmten Klüften finden!
Mit welcher drengenden Gewalt,
Mit welchem schrecklichen Gewühl, Gethös und Lärmen
Muß in dem tiefen Schlund' und duncklen Aufenthalt
Ein Wallfisch-Heer sich drehn, und durch einander schwärmen:
Da, wenn ein solcher Fisch aus seiner Tiefe bricht,
Und, wie es, wenn er spielt, in Grönland oft geschicht,
Mit greulichem Geräusch aus stillen Fluthen steiget;
Er einen schwartzen Thurn erstaunten Augen zeiget.

Indem ich dieß mit Ernst ermesse,
Stellt solcher Bestien fast ungemessne Grösse,
Nicht sonder scheinbare Gefahr,
Sich gleichsam meinen Augen dar.
Mit ist, als wenn ich recht die ungeheure Höhe
Von einem schwartzen Berg', der lebet, in ihm sehe;
Mich deucht, ich schaue recht die weisse Wuth
Der durch das schreckliche Gewühl gepressten Fluth,
Mit Schaum- und Wirbel-vollen Wellen,
Als wären es Gebürge, schwellen.
Mich deucht, es höre recht mein schüchtern Ohr
Mit einem innerlichen Grausen
Ein wildes unerträglichs Brausen.
Die braune Fluth wird plötzlich weiß, und schäumet,
Ein grosses Theil des Meers erhebet, wältzet, bäumet
Sich brüllend in die Höh' in einem Augenblick,
Und stürtzt mit solcher Last von oben ab zurück;
Daß die gepresste Fluth oft gantze Meilen weit
Sich reget, tobet, wallt mit solcher Heftigkeit,
Daß Strudel, Wirbel, Schaum ein schwülstiges Bewegen,
So weit man sehen kann, in einem Kreis' erregen.

Wer weis sich nun den Stand im duncklen Reich der Wellen,
Wo sie bey tausenden sich wältzen, vorzustellen?
Wie müssen sie den Schlamm des Abgrunds, wenn sie spielen,
Mit ihrer fetten Last verwirren und zerwühlen!
Wem schwindelt nicht, wenn man sich zu Gemüthe führet,
Daß solch ein Leviatans-Heer
Mit wilder Kraft die duncklen Fluthen drenget;
So daß das tiefe Meer
Recht siedet, wie ein Topf, und es den Abgrund rührt,
Als wie man eine Salbe menget.
Der Zustand schreckt mich recht, den dieses Reich der Nacht
Mir ins Gemüthe prägt; bald aber denck' ich wieder
Auf Den, der diese Tief' und was sie heg't, gemacht,
Und sing' in Demuth Ihm Lob-Danck- und Freuden-Lieder:

Die Wasser sehen Dich, o GOTT, sie sehen Dich,
Sie ängstigen und drengen sich.
Ach hört, wie ihren HERRN, bald still und bald mit Toben,
Die dunckel-grauen Tiefen loben!

Voll solcher prächtigen Gedancken und Ideen
Von Gottes Wunder-Gröss' und unumschränckter Macht
Fühl' ich in meiner Brust ein Andacht-Feur entstehen.
Ich dencke nicht, wie ich zuvor gedacht.
Ein unbekanntes Etwas reisst
Mir meinen fast erstaunten Geist
Aus seinem Sitz', und führet meinen Sinn,
O grosses ALL! von Deinem Wunder-Wesen
Zur deutlichern Betrachtung hin,
Wozu ich denn das Meer zum Spiegel auserlesen.

Ich stelle mir,
Unendlich grosser GOTT, dadurch aufs neu' von Dir
Ein unermeßlich Wesen für,
So nebst der Welt zugleich das weite Luft-Revier
An allen Orten füllt, und welches aller Meere
Verborg'ne Tiefe, Dicke, Breite,
Samt seiner äussern Fläch' entsetzlich weiten Weite,
Wie wir den gantzen Kreis der Welt
In kleinen Carten vorgestellt,
Auf einmahl übersieht: Vor Dem der Wallfisch' Heere
Bald in den duncklen Tiefen wühlen,
Bald auf der hellen Fläche spielen!
Ein Wesen, dessen Blick die Menge
Von allen Schiffen, wenn sie gleich
Auf dem geschwollnen Wasser-Reich,
So in der Breit' als in der Länge
Auf wie viel tausend Meilen
Entfernet von einander gehn,
Zugleich sieht, wie wir eines sehn:
Ein Wesen, welches hier das Meer
In einer stillen Glätte siehet,
Wie solches, da die Luft von Wolcken leer,
Vom heitern Sonnen-Licht' in reinem Schimmer glühet,
Und wie ein Spiegel gläntzt: Das aber auch zugleich
Und in dem Augenblick das wilde Wasser-Reich
An einem weit entfernten Ort,
Woselbst der grause Nord,
Daß alles brauset, heulet, brüllet,
Die Luft mit Wasser-Bergen füllet,
Die, mit entsetzlich schnellem Wallen
Bald schrecklich sich erhöhn, bald ja so schrecklich fallen;
Gleich gegenwärtig schaut: Ein Wesen, welches hier
So wohl als dorten gantz: Dem aller Raum zu klein,
Das aller Ewigkeiten
Unendlichkeiten füllt.

Ein solches Wesen nun soll eintzig und allein
Mein GOTT, und nicht das Götzen-Bild
Von einem alten Greisen, seyn.

Der Gottheit Gröss' indeß, die ich so dir, als mir,
Und zwar am deutlichsten im weiten Schooß der Wellen
Bemüht gewesen vorzustellen,
Die lass', geliebter Leser, dir
Nicht seltsam und nicht fremde seyn!
Du kannst so gar davon ein Beyspiel wircklich sehen.

Muß nicht der helle Sonnen-Schein
Die Welt auf einmahl übergehen,
Auf einmahl einen Kreis,
Den menschlicher Verstand nicht zu ermessen weis,
In unbegräntzten Lüften füllen?
Erwege denn um Gottes Willen,
Was bildest du dir wohl von einer Gottheit ein?
Muß Selbe nicht vielmehr auf unerforschte Weise
Weit unermeßlicher allgegenwärtig seyn?

Mich deucht, wie mancher hiezu spricht:
Die Sonne scheinet doch den Gegen-Füssern nicht.
Dann, wann sie bey uns ist; so ist zwar dieses wahr:
Allein, den Unterschied der Sätze zu geschweigen;
Kann man jedoch fast Sonnen-klar
Davon ein Beyspiel zeigen.
Man halte nur in einem Zimmer
Viel kleine Kugeln nah ans Licht;
So wird zum wenigsten ein Gegen-Schimmer
Vom Licht, das sich an Wänden bricht,
Die duncklen Seiten gleichfalls treffen.
Da nun viel hundert tausend Welten
Im unermeßlichen und unbegräntzten Schein,
Der Gottheit, die allgegenwärtig, schwimmen:
Wie sollten sie denn nicht von Deren Glantze glimmen,
Und nicht von Ihr bestrahlet seyn?
Zudem heisst dein Exempel nichts,
Daß Gegen-Füsser nicht mit uns zu einer Zeit
Die Gegenwart des Sonnen-Lichts
Empfinden und geniessen.
Der Erden Dicht- und Dunckelheit
Verwehret solches nur: Denn ihre Strahlen schiessen
Viel tausend Meilen weiter fort.
Wie grob würd' überdem die Meynung seyn,
Als ob der ew'gen Gottheit Schein
Nicht unbegreiflich herrlicher,
Allgegenwärtiger, durchdringender,
Als wie des Sonnen-Lichts
Erschaffner Cörper wäre?
Gewiß, es brächte dieß der Gottheit wenig Ehre,
Zu glauben, als wär' etwas dicht's,
Materialisches und Cörperlich's geschickt,
Von einem Ort Sie auszuschliessen.

Ach höre,
Wie David dieß weit anders ausgedrückt,
Und was davon für Wort' aus seiner Feder fliessen:

Wenn ich in den Himmel führe; grosser Gott, so bist Du da.
Bettet' ich mich in der Hölle; wärest Du mir gleichfalls nah.
Nähm' ich der Auroren Flügel, flög' ich bis ans äuss're Meer;
Fünde mich doch Deine Rechte, weil ich nicht verborgen wär'.

Soll aller Sonnen Sonn' und HERR, das ew'ge Licht,
Der Urstand und die Quell' von allen Dingen,
Der Himmel, Erd' und Meer erschaffet, wenn Er spricht,
Nicht in denselben seyn, nicht alles das durchdringen,
Was Er gemacht, was Er allein erhält?
Dieß ist ja so gewiß, als daß das, was ich sehe,
Mir in die Augen fällt.
Inzwischen schrecke dich und tröste dich die Nähe
Der Gottheit, welche dich umgiebet,
Worin du lebest, bist und webst, und die dich liebet,
Für welcher aber auch das Innerste der Seelen
Sich nicht vermag zu bergen, zu verheehlen,
Die dein Gemüth
So deutlich, wie dein Blick, was Leiblichs siehet, sieht.

Da Gott nun alles weis, was wir gedencken;
Ach daß denn dir und mir die mehr als wahre Lehre,
Von Gottes Gegenwart, auch stets ein Denckmahl wäre,
Um uns von Lastern abzulencken!
Denn, dächten wir daran! auch dann, wann wir allein,
Sind wir jedoch von GOTT umgeben;
Unmöglich könnten wir sodann nicht anders leben,
Unmöglich würden wir so grobe Sünder seyn.

Ach laß, o Grosses ALL, doch denen, so dieß lesen,
Nebst mir, Dein wunderbar allgegenwärtig's Wesen
Das uns, so wie das Meer ein Fischlein rund umschliesst,
Und in die Ewigkeit unendlich sich ergiesst,
Stets vor der Seelen Augen stehn!
Ach laß uns, da allhier des Cörpers Augen
Dein undurchdringlichs Licht nicht selbst zu schauen taugen,
Doch Deiner Allmacht Gröss' in Deinen Wundern sehn!
Es sey, o Grosser GOTT, insonderheit das Meer
Ein Prob-Stück Deiner Macht, ein Spiegel Deiner Ehr'!
Ach laß uns Geist und Blick auf Deine Wercke lencken,
Und oftermahl, wie Jesaias, dencken:
Er schilt das Meer, so fliehts von dannen,
Daß seine graue Tiefe braust,
Er misst die Wasser mit der Faust,
Er fasst den Himmel mit der Spannen.