Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Stimme der Zeit von

Stimme der Zeit

Zur Jubelfeier des Königlich Preußischen Staats-Ministers Grafen von Lottum

Am 9. April 1834

Wer den gestirnten Himmel flüchtig sähe,
Der ließe sich den Wahn vielleicht nicht rauben,
Daß unbeweglich starr dort alles stehe;
Und wer die Zeitgeschichte, möchte glauben,
Man habe sie zum Stocken schon gebracht,
Und leichtlich ließe sie zurück sich schrauben.
Wer aber während einer halben Nacht
Die Sterne sich erheben sah und neigen,
Und solchem Schauspiel sinnend nachgedacht,
Der wird die Wahrheit nimmer sich verschweigen,
Und sprechen, wann der Tag im Osten graut:
Dort muß der Schild der Sonne bald sich zeigen;
Und wer ein halb Jahrhundert nur geschaut,
Ist mit der Weltgeschichte stätem Gange
Und allgewalt'gem Fortschritt schon vertraut.
Ein Stern der Vorzeit stand im Niedergange,
Als Luther aufstieg, der, ein Held, befreit
Die halbe Welt vom schnöden Geisteszwange.
Was Großes er vollbracht, war an der Zeit;
Nur mußte, wo das Licht nicht eingedrungen,
Sich grimmiger erneun der alte Streit;
Denn wirrer hatte sich der Knäul geschlungen,
Derweil im Schwung das Rad der Zeit gerollt
Und unvernommen, was sie schrie, verklungen:
Das Licht, das mild erhellen nur gesollt,
Es ward zum Blitzstrahl, und in Ungewittern
Ward grausig Schuld und aber Schuld gezollt.
Wir sahen rings um uns den Boden zittern,
Und sahn in Blut und Aufruhr und Empörung
Der Throne morsch gewordnes Holz zersplittern.
Im Finstern haust Verrat nur und Verschwörung;
Vom sonnenhellen festen Ufer sahen
Wir unbefährdet zu der Weltzerstörung;
Wir, die von Vaters Händen schon empfahen
Die Güter, denen nach sie jagen, ohne,
Vom Schein verlockt, den gleißenden zu nahen.
Heil ihm, der weis und stark auf festem Throne
Mit unsrer Liebe schirmend sich umgibt,
Aus Gold der Treue schmiedend seine Krone;
Den wie ein Sohn ein jeder Preuße liebt,
Vor dessen Fuß ausbrandend ohne Schaden
Der Zeit empörter Wellenschlag zerstiebt.
Heil dir, der, ihm zunächst im Glanz der Gnaden,
Das edle, treue, waffenfreud'ge Roß
Hilft lenken an der Liebe Seidenfaden,
Das Roß, vor dessen Hufschlag der Koloß,
Der lastend auf Europa einst gelegen,
Gleich einem eitlen Nebelbild zerfloß.
Heil dir, du Biedermann; du teilst den Segen,
Wo liebend du geteilt der Sorgen Last,
Und unsre Herzen schlagen dir entgegen.
Heil dir, der mitgewirkt du rühmlich hast
Ein halb Jahrhundert zu des Landes Heil,
Und wirkst noch unablässig ohne Rast;
Dir wird der Liebe Huldigung zu Teil.