Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Holde Nacht, dein dunkler Schleier von

Holde Nacht dein dunkler Schleier
hüllet mein Gesicht vielleicht zum letztenmal!
Morgen lieg ich schon dahin gestrecket,
ausgelöscht aus der Lebend'gen Zahl!

Morgen ziehen wir für unsre Brüder
und für unser Vaterland zum Steit;
Aber ach! so mancher kommt nicht wieder,
wo sich Freund an Freundes Augen freut!

Mancher Säugling lieget in den Armen
seiner Mutter, fühlt nicht ihren Schmerz;
Sie schreit himmelhoch, ach! um Erbarmen,
und drückt hoffnungsvoll ihn an ihr Herz!

Freudig hüpft und fragt ein muntrer Knabe:
Mutter! kommt nicht unser Vater bald?
„Du armes Kind, dein Vater liegt im Grabe,
sein Auge sieht nicht mehr der Sonne Strahl!"

Dort liegt schon ein Held mit Sand bedeckt,
waise ist das Mädchen und der Knab;
Hier liegt auch ein Sohn dahin gestrecket,
der den Eltern Brot im Alter gab!

Mädchen, denke nicht an süße Bande,
denk auch nicht an Freud und Hochzeitstanz,
Denn die Liebe schlummert schon im Sande,
schwinget hoch empor den Totenkranz!

Traurig, traurig, daß wir unsre Brüder
hier und dort als Krüppel wandern sehn;
Aber süße Pflicht ist's dennoch wieder,
mutig seinem Feind entgegengehn.

Reißt mich gleich des Feindes Kugel nieder,
schwingt mein Geist sich freudig hoch empor;
Dort, ihr Freunde, sehen wir uns wieder,
darum Mut, ihr Freunde, lebet wohl!