Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Stand ich auf hohem Berge von

Stand ich auf hohem Berge,
sah in den tiefen Rhein,
Sah ich ein Schifflein schweben,
viel Ritter tranken drein.

Der jüngste von den Rittern
hob auf sein römisch Glas,
Thät mir damit zuwinken:
Feinslieb, ich bring dir das!

Was thust du mir zutrinken,
was bietst du mir den Wein?
Ich muß ins Kloster gehen,
muß Gottes Dienerin sein.

Des Nachts wohl um die halbe Nacht
träumt es dem Ritter schwer,
Als wenn sein herzallerliebster Schatz
ins Kloster gegangen wär.

Mir träumt', ich hätt eine Nonn' gesehn,
ich trank ihr zu mein Glas,
Sie wollt nicht gern ins Kloster,
ihr Äuglein waren naß.

Halt an, halt an dem Klosterthor,
ruf mir mein Lieb herau.
Da kam die ältste Nonne:
Mein Lieb soll kommen heraus.

Kein Feinslieb ist hierinnen,
kein Feinslieb kann heraus.
Und ist kein Feinslieb drinnen,
so steck ich an das Haus.

Da kam Feinslieb gegangen,
schneeweiß war sie gekleidt:
Mein Haar ist abgeschnitten,
leb wohl in Ewigkeit!

Er war dem Kloster niedersaß,
und sah ins tiefe Thal;
That ihm sein Glas zerspringen,
zerspringen sein Herz zumal.