Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Nachdem wir fort vnd fort in Furcht vnd Hoffnung schweben von

Nachdem wir fort vnd fort in Furcht vnd Hoffnung schweben,
Empfinden Noht vnd Angst, bejammern dieses Leben,
Vnd müssen Brandt außstehn, auch Hagel, Frost vnd Wind
In dieser Pilgrimschafft, ein Ball vnd Kreisel sind
Des Glückes so vns treibt; wie wol hat GOTT geschicket,
Des Creutzes Schluß, den Todt, der vns von hinnen rücket
Vnd in das Grab verbirgt, der aus dem Joch' vns spannt,
Des Wetters Vnmuht legt, vnd setzt vns an das Land
Der wahren Ruh vnd Lust! drumb sieht man, wie mit Thränen
Nach diesem Vfer sich bedrückte Hertzen sehnen,
Recht als ein Wandrer sonst fast alle Tritte zehlt,
Nichts auff das Wetter giebt, vnnd vngesäumbt sich quält
Zu kommen in die Stadt, vnd da sich zu erquicken,
Wenn sonderlich ein Thurn sich schon hat lassen blicken;
Er sieht jhn sehnlich an, hält allen Richt-Steig wol,
Vnd misst wol hundert mahl wie lang er gehen sol.
Wie auch ein Wächter steht vnnd wartet mit Verlangen
Ob nicht das Morgenroth schier komm hervorgegangen,
Er wendet jmmerzu die Augen in den Ost,
Vnd spricht: nun brich doch an! brich an, mein Wunsch vnd Trost,
Du helles Tage-Liecht! Diß war, O werthe Seele,
Auch dein Wunsch damals, als des finstern Leibes Höle
Dich hielte noch bestrickt, in allem Creutz vnd Pein
Ermahntest du dich selbst mit diesem Trost allein:
Der strenge Wittwen-Standt, die Säufftzer vnd die Zähren,
Das leyden würde nicht, ob GOTT wil, Ewig wehren;
Es käme noch die Zeit, daß alle deine Noth
Gewünscht würd' außgetauscht, durch einen süssen Todt
Mit vnerschöpffter Lust. Es ist dir auch gelungen.

Du hast den Krantz erreicht, nach dem du stets gerungen,
Der wahren Sonnen-Liecht geht dir nun Ewig auff,
Du kennest keine Nacht. Der Eitelheiten Lauff,
Die Boßheit dieser Welt wird nimmermehr dich kräncken,
Du hörest vmb dich nichts von List, von bösen Rencken,
Mit welchen diese Welt vmbringt ist weit vnd breit,
Du kennest nichts als Ruh, als Lust vnd Ewigkeit,
Wir aber solten noch für Trawren gantz verzagen,
Vnd, wie die Heyden thun, ohn Hoffnung dich beklagen,
Dich, die du numehr prangst in Ewig-klarer Zier?
Mit nichten! wolte Gott wir lägen auch bey dir!